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Texte von Khalil Gibran

Ein Fuchs betrachtete bei Sonnenaufgang seinen Schatten und sprach: „Heute Mittag will ich ein Kamel verschlingen.“ Den ganzen Morgen suchte er nach Kamelen. Am Mittag betrachtete er wiederum seinen Schatten und sprach: „Eine Maus wird auch genügen.“

 

(aus: Khalil Gibran: Narr, 19)

 

 

Eine Auster sprach zu ihrer Nachbarin: „Ich trage großen Schmerz in mir. Schwer ist er und rund, und ich habe große Not.“

Die andere Auster antwortete mit überheblicher Selbstzufriedenheit: „Gelobt sei der Himmel und das Meer, denn ich habe keine Schmerzen. Es geht mir gut, innen und außen.“

In diesem Augenblick kam ein Krebs vorbei und hörte die beiden Austern. Darauf sagte er zu derjenigen, die innen wie außen unversehrt war: „Ja, dir geht es wohl gut, doch der Schmerz, den deine Nachbarin in sich trägt, ist eine Perle von hinreißender Schönheit.“

 (aus: Khalil Gibran: Wanderer, 26)

 

Vom Schmerz

 
Schmerz bedeutet das Brechen der Schale, die euer Verstehen umschließt.

Genau wie der Obstkern brechen muss, auf daß sein Herz der Sonne ausgesetzt sei, ebenso müsst auch ihr den Schmerz erleben.

Und vermöchtet ihr, das Staunen über die täglichen Wunder des Lebens in eurem Herzen lebendig zu bewahren, so schiene euch der Schmerz nicht minder wunderbar als die Lust;

Und ihr nähmet hin die Zeitläufe eures Lebens, so wie ihr stets die Jahreszeiten hinnahmet, die über eure Felder gleiten;

Und ihr wachet mit Heiterkeit durch die Wintertage eures Grams.

Vieles ist in eurem Schmerz selbsterwählt.

Es ist dies der bittre Trank, mit dem der Arzt in euch das kranke Ich heilt.

Daher trauet dem Arzte und trinket sein Heilmittel in Schweigen und Gelassenheit:

Denn seine Hand, wie schwer und hart sie auch sein mag, wird gelenkt von der milden Hand des Unsichtbaren,

Und der Kelch, den er reicht, so er euch auch die Lippen senge, ward gebrannt aus dem Lehme, den der Töpfer benetzte mit seinen heiligen Tränen.

(Aus: Khalil Gibran: „Der Prophet“)


Von den Kindern
 

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber.

Sie kommen durch euch doch nicht von euch;

Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,

Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seele,

Denn ihre Seele wohnt im Hause von Morgen, das ihr nicht zu betreten vermöget, selbst nicht in euren Träumen.

Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen.

Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilet es beim Gestern.

Ihr seid der Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile entsandt werden.

Der Schütze sieht das Zeichen auf dem Pfade der Unendlichkeit, und Er biegt euch mit Seiner Macht, auf dass Seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Möge das Biegen in des Schützen Hand euch zur Freude gereichen;

Denn gleich wie Er den fliegenden Pfeil liebet, so liebt Er auch den Bogen, der standhaft bleibt.

(Aus: Khalil Gibran: „Der Prophet“)

 

Von der Freundschaft

 Dein Freund ist die Antwort auf deine Not.

Er ist das Feld, das du besäst mit Liebe und worauf du erntest mit Dankgebeten.

Und er ist dein Tisch und dein Herd.

Denn du kommst zu ihm mit deinem Hunger und du suchst bei ihm deinen Frieden.

Äußert dein Freund frei seine Meinung, so fürchte nicht das „Nein“ in deiner Meinung, noch halte mit dem „Ja“ zurück.

Und schweigt er, so lasse dein Herz nicht ab, auf das seine zu lauschen;

Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche und Erwartungen geboren und geteilt, ohne Worte und mit einer Freude, die keines Beifalles bedarf.

Scheidest du von deinem Freunde, so gräme dich nicht;

Denn was du am meisten an ihm liebst, mag in seiner Abwesenheit klarer werden, wie der Berg dem Wanderer von der Ebene aus klarer erscheint.

Und deine Freundschaft verfolge kein weiteres Ziel als ein Vertiefen des Geistes.

Denn Liebe, die etwas sucht außer der Offenbarung ihres eigenen Mysteriums, ist nicht Liebe, sondern ein ausgeworfenes Netz: und nur das Wertlose wird darin gefangen.

Das beste, was du hast, sei für deinen Freund.

Wenn er um die Ebbe deiner Flutzeiten wissen muss, so lass’ ihn auch um deren Hochwasser wissen.

Denn was wäre dein Freund, so du ihn nur aufsuchest um Stunden totzuschlagen?

Suche ihn stets nur, um Stunden mit ihm zu erleben.

Denn er ist da, um das Fehlende in dir zu füllen, nicht deine Leere.

Und zu der Süße der Freundschaft geselle sich auch das Lachen und geteilte Lust.

Denn im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und seine Erquickung.
 

(Aus: Khalil Gibran: „Der Prophet“)
 

 

Von der Selbsterkenntnis 

Euer Herz weiß im stillen um die Geheimnisse der Tage und Nächte.

Doch euer Ohr dürstet nach dem Laut des Wissens in euch.

Ihr möchtet in Worten wissen, was eure Seele stets gewusst.

Ihr möchtet mit Händen rühren an den nackten Leib eurer Träume.

Und dem ist gut so.

Die verborgene Quelle muss unbedingt aus eurer Seele entspringen und murmelnd dem Meere zufließen;

Denn der Schatz in eurem tiefsten Innern möchte eurem Auge sichtbar werden.

Doch wieget nicht euren unbekannten Schatz auf einer Waage;

Und erforschet nicht die Tiefe eures Wissens mit dem Messstock oder der Lotschnur.

Denn das Ich ist ein Meer ohne Maß und Grenzen.

Saget nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“, - sagt lieber: „Ich habe die Seele getroffen, auf meinem Pfade wandelnd“.

Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden.

Die Seele wandelt nicht auf einer Bahn, noch wächst sie wie ein Schilfrohr.

Die Seele entfaltet sich gleich einer Lotusblume, aus Blütenblättern ohne Zahl.

 (Aus: Khalil Gibran: „Der Prophet“)

 

Von Freud und Leid

 Eure Freude ist entlarvtes Leid.

Und dieselbe Quelle, aus der euer Lachen entspringt, ward oft erfüllet von euren Tränen.

Und wie könnte es anders sein?

Je tiefer das Leid in eurem Innern bohrt, umso mehr Freude vermöget ihr zu fassen.

Ist nicht die Schale, die euren Wein enthält, das gleiche Gefäß, das im Ofen des Töpfers gebrannt?

Und ist nicht die Laute, die euer Leid lindert, das gleiche Holz, das von Messern durchbohrt ward?

Seid ihr fröhlich so spähet tief in eurem Herzen und ihr werdet entdecken, dass nur was euch Leiden schuf, euch auch Freuden bringt.

Seid ihr betrübt, so spähet wiederum in eurem Herzen, und ihr werdet finden, dass ihr in Wahrheit weinet um gewesene Wonne.

Etliche von euch sagen: „Freude ist größer denn Kummer“, und andere sagen: „Nein, Kummer ist größer als Freude.“

Doch ich sage euch: beide sind unzertrennlich.

Sie kommen gemeinsam; und sitzet nur die eine oder der andere bei euch zu Tische, so bedenket, dass der eine oder die andere auf eurem Lager schlummert.

Wahrlich, wie die beiden Schalen einer Waage hanget ihr zwischen Leid und Freud’.

Nur wenn ihr leer seid, gelangt ihr zu Stillstand und Gleichgewicht.

Und so einst der Hüter des Schatzes euch emporhebet, um zu wiegen sein Gold und sein Silber, dann wird Freud’ oder Leid in euch steigen oder fallen, unbedingt.

 (Aus: Khalil Gibran: „Der Prophet“)



„Es ist edler, standhaft auszuhalten in den Schwierigkeiten und Beschwerden des Lebens, als sich zurückzuziehen in Sicherheit und Geborgenheit. Der Schmetterling, der so lange um das Licht flattert, bis er verbrennt, ist bewundernswerter als der Maulwurf, der, um Gefahren zu entgehen, seine Wohnung in unterirdischen Gängen baut. Und das Samenkorn, das die Kälte des Winters und die Stürme nicht ertragen kann, hat auch nicht die Kraft, die Erde aufzubrechen und sich an der Anmut und den Wundern des Frühlings zu erfreuen.“

 

(Khalil Gibran)



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