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Texte von Hermann Hesse


Allein

 

Es führen über die Erde

Strassen und Wege viel,

Aber alle haben dasselbe Ziel,

 

Du kannst reiten und fahren,

zu zweien und zu dreien...

Den letzten Schritt musst du gehen allein.

 

Drum ist kein Wissen, noch Können so gut,

Als dass man alles Schwere alleine tut.

 
(Hermann Hesse)

 


Auf den Tod...

 

Jetzt bist du schon gegangen, Kind,

Und hast vom Leben nichts erfahren,

Indes in unseren welken Jahren

Wir Alten noch gefangen sind.

 

Ein Atemzug, ein Augenspiel,

Der Erde Luft und Licht zu schmecken,

War dir genug und schon zuviel;

Du schliefst ein, nicht mehr zu wecken.

 

Vielleicht in diesem Hauch und Blick

Sind alle Spiele, alle Mienen

Des ganzen Lebens dir erschienen,

Erschrocken zogst du dich zurück.

 

Vielleicht wenn unsre Augen, Kind,

Einmal erloschen, wird uns scheinen,

Sie hätten von der Erde, Kind,

Nicht mehr gesehen als die deinen.

 
(Hermann Hesse)

 

Bruder Tod

 

Auch zu mir kommst du einmal,

Du vergisst mich nicht,

Und zu Ende ist die Qual,

Und die Kette bricht.

 

Noch erscheinst du fremd und fern,

Lieber Bruder Tod,

Stehest als ein kühler Stern

Über meiner Not.

 

Aber einmal wirst du nah

Und voll Flammen sei –

Komm Geliebter, ich bin da,

Nimm mich ich bin dein.

 
(Hermann Hesse)



Bücher

 

Alle Bücher dieser Welt

Bringen dir kein Glück,

Doch sie weisen dich geheim

In dich selbst zurück

 

Dort ist alles, was du brauchst,

Sonne, Stern und Mond

Denn das Licht, danach du frugst,

In dir selber wohnt

 

Weisheit, die du lang gesucht

In den Büchereien,

Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –

Denn nun sind sie dein.


(Hermann Hesse)


 

Chinesische Parabel

 
Ein alter Mann mit Namen Chunglang, das heißt „Meister Felsen”, besaß ein kleines Gut in den Bergen. Eines Tages begab es sich, dass er eins von seinen Pferden verlor. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeigen. Der Alte aber fragte: „Woher wollt ihr wissen, dass das ein Unglück ist?” Und siehe da: einige Tage darauf kam das Pferd wieder und brachte ein ganzes Rudel Wildpferde mit. Wiederum erschienen die Nachbarn und wollten ihm zu diesem Glücksfall ihre Glückwünsche bringen.

Der Alte vom Berge aber versetzte: „Woher wollt ihr wissen, dass es ein Glücksfall ist?”

Seit nun soviel Pferde zur Verfügung standen, begann der Sohn des Alten eine Neigung zum Reiten zu fassen, und eines Tages brach er das Bein. Da kamen sie wieder, die Nachbarn, um ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. Und abermals sprach der Alte zu ihnen ”Woher wollt ihr wissen, dass dies ein Unglücksfall ist?”

Im Jahr darauf erschien die Kommission der „Langen Latten” in den Bergen, um kräftige Männer für den Stiefeldienst des Kaisers und als Sänftenträger zu holen. Den Sohn des Alten, der noch immer seinen Beinschaden hatte, nahmen sie nicht.

Chunglang musste lächeln.

 (Hermann Hesse: Die Legenden)

 

 

Das Altwerden an sich ist ja ein natürlicher Prozess und ein Mann von 65 oder 75 Jahren ist, wenn er nicht jünger sein will, durchaus ebenso gesund und normal wie einer von 30 oder 50. Aber man ist eben mit seinem eigenen Alter leider nicht immer auf einer Stufe, man eilt innerlich oft voraus, und noch öfter bleibt man hinter ihm zurück - das Bewusstsein und Lebensgefühl ist dann weniger reif als der Körper, wehrt sich gegen dessen natürliche Erscheinungen, und verlangt etwas von sich selber, was es nicht leisten kann.

 
(Hermann Hesse: aus einem unveröffentlichten Brief)

 

 

Das Leben hat so viel Sinn, als Sie ihm zu geben vermögen. Die Bibel und das Dogma und alle Philosophien sind nur eine Hilfe, diese Sinngebung zu erleichtern. Die Natur, die Pflanze und das Tier, bedarf der Sinngebung nicht weil sie den Gedanken und die Sünde nicht kennt. Sie lebt naiv und unschuldig. Wir Menschen sind weniger als Tiere, wenn wir versuchen wollen, ohne Sinn zu leben. Sinn gewinnt das Leben, wenn wir es, soweit möglich, dem naiven Streben nach egoistischer Lust entziehen und in einen Dienst stellen. Wenn wir diesen Dienst ernst nehmen, kommt der „Sinn” von selbst.

 (Hermann Hesse: Gesammelte Briefe)

 

 

Die Welt ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen, alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, alle kleinen Kinder haben schon den Greis in sich, alle Säuglinge den Tod, alle Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen möglich, vom anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Räuber und Würfelspieler wartet Buddha, im Brahmanen wartet der Räuber. Es gibt in der tiefen Meditation die Möglichkeit die Zeit aufzuheben, alles gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen, und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahman. Darum scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sünde wie Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muss so sein, alles bedarf nur meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden Einverständnisses, so ist es für mich gut, kann mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele erfahren, dass ich der Sünde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust, des Strebens nach Gütern, der Eitelkeit und bedurfte der schmählichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von mir gewünschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von mir ausgedachten Art der Vollkommenheit, sondern sie zu lassen, wie sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehören.

 (Hermann Hesse: Siddhartha)

 



Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näher zu kommen

 

Es ist nicht unsere Aufgabe,
einander näher zu kommen,
so wenig wie
Sonne und Mond zueinander kommen,
oder Meer und Land.

 

Unser Ziel ist,
einander zu erkennen
und einer im anderen das zu sehen
und ehren zu lernen,
was er ist:

 

Des anderen Gegenstück und Ergänzung.


 

Im Grunde lautet die brennende Frage ja so: Sollen wir der Jugend möglichst viel Tradition, Halt und Norm mitgeben, oder sollen wir sie möglichst frei lassen, möglichst zu Elastizität und Anpassungsfähigkeit erziehen. Da die Welt, in die diese Jugend hineinwächst, keine moralische und seelische Ordnung mehr hat, helfen wir im ersten Fall der Jugend zwar, anständig zu bleiben und im Notfall anständig unterzugehen, berauben sie aber der Möglichkeit, in dieser amoralischen, rein dynamischen Welt mitzutun und Erfolg zu haben.

Theoretisch also wäre die Erziehung zu Norm und Orthodoxie das einzig Erlaubte. Wieweit wir die Bindungen trotzdem lockern wollen, muss allein unsere Liebe entscheiden. Wir dürfen es nur vorsichtig tun, und auch im besten Fall können wir nicht verhüten, dass die Jugend allzu früh vor moralische Entscheidungen gestellt und der Kindheit beraubt wird.

 (Hermann Hesse: Ausgewählte Briefe)

 

 

Im Nebel

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den anderen,

Jeder ist allein.

 

Voll von Freuden war mir die Welt,

Als noch mein Leben Licht war,

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.

 

Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkle kennt,

Das unentrinnbar und leise.

Von allen ihn trennt.

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsam sein.

Kein Mensch kennt den anderen,

Jeder ist allein

 
(Hermann Hesse)

 

 

Keine Lehre konnte ein wahrhaft Suchender annehmen, einer der wahrhaft finden wollte. Der aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre gutheißen, jeden Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen, welche im Ewigen lebten, welche das Göttliche atmeten.

(Hermann Hesse: Siddhartha)

 

 

Kinder sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird.

 (Hermann Hesse: Hermann Lauscher)

 

 

Nacht

 

Mit Dämmerung und Amselschlag

Kommt aus den Tälern her die Nacht.

Die Schwalben ruhn, der lange Tag

Hat auch die Schwalben müd gemacht.

 

Durchs Fenster mit verhaltenem Klang

Geht meiner Geige müder Strich.

Verstehst du, schöne Nacht, den Sang –

Mein altes Lied, mein Lied an dich?

 

Ein kühles Rauschen kommt vom Wald,

Dass mir das Herz erschauernd lacht,

Und leis mit freundlicher Gewalt

Besiegt mich Schlummer, Traum und Nacht.


(Hermann Hesse)

 


Schönes Heute

 

Morgen - was wird morgen sein?

Trauer, Sorge, wenig Freude,

Schweres Haupt, vergossner Wein –

Du sollst leben, schönes Heute!

 

Ob die Zeit im schnellen Flug

Wandelt ihren ewigen Reigen,

Dieses Bechers voller Zug

Ist unwandelbar mein eigen.

 

Meiner losen Jugend Brand

Lodert hoch in diesen Tagen.

Tod, da hast du meine Hand,

Willst du mich zu zwingen wagen?


(Hermann Hesse)

 

 

Stufen

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht,

blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch

und jede Tugend zu ihrer Zeit

und darf nicht ewig dauern.

 

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne trauern

in andere, neue Bindungen zu geben.

 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stufe um Stufe heben, weiten.

 

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegen senden,

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

 

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

(Hermann Hesse)

 

 

Traum

 

Aus einem argen Traum aufgewacht

Sitz ich im Bett und starre in die Nacht

 

Mir graut vor meiner eigenen Seele tief,

Die solche Bilder aus dem Dunklen rief.

 

Die Sünden, die ich da im Traum getan,

Sind sie mein eigen Werk? Sind sie nur Wahn?

 

Ach, was der schlimme Traum mir offenbart,

Ist bitter wahr, ist meine eigene Art.

 

Aus eines unbestochenen Richters Mund

Ward mir ein Flecken meines Wesens kund.

 

Zum Fenster atmet kühl die Nacht herein

Und schimmert nebelhaft in grauem Schein.

 

O süßer, Lichter Tag, komm du heran

Und heile, was die Nacht mir angetan!

 

Durchleuchte mich mit deiner Sonne, Tag,

Dass wieder ich vor dir bestehen mag!

 

Und mach mich, ob's auch in Schmerzen sei,

Vom Grauen dieser bösen Stunde frei!



Kennst du das auch?

 

Kennst du das auch, dass manches mal

Inmitten einer lauten Lust,

Bei einem Fest, in einem frohen Saal,

Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

 

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf

Wie Einer, den plötzlich Heimweh traf;

Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,

Du weinst, ohne Halt - Kennst du das auch?


(Hermann Hesse)

 


Voll Blüten

 

Voll Blüten steht der Pfirsichbaum,

Nicht jede wird zur Frucht,

Sie schimmern hell wie Rosenschaum

Durch Blau und Wolkenflucht.

 

Wie Blüten gehn Gedanken auf,

Hundert an jedem Tag-

Lass blühen! lass dem Ding den Lauf!

Frag nicht nach dem Ertrag!

 

Es muss auch Spiel und Unschuld sein

Und Blütenüberfluss,

Sonst wär die Welt uns viel zu klein

Und Leben kein Genuss.

 

(Hermann Hesse: geschrieben 1918, Die Gedichte)

 

 

Welkes Blatt

 

Jede Blüte will zur Frucht,

Jeder Morgen Abend werden,

Ewiges ist nicht auf Erden

Als der Wandel, als die Flucht.

 

Auch der schönste Sommer will

Einmal Herbst und Welke spüren.

Halte, Blatt, geduldig still,

Wenn der Wind dich will entführen.

 

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,

Lass es still geschehen,

Lass vom Winde, der dich bricht,

Dich nach Hause wehen.

 

(Hermann Hesse: geschrieben 1933, Die Gedichte)

 

 

Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, dass er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.

 
(Hermann Hesse: Siddhartha)

 

 

Wir leben hin...

 

Wir leben hin in Form und Schein

Und ahnen nur in Leidenstagen

Das ewig wandellose Sein,

Von dem uns dunkle Träume sagen.

 

Wir freuen uns an Trug und Schein

Wir gleichen führerlosen Blinden

Wir suchen bang in Zeit und Raum

Was nur im Ewigen zu finden

 

Erlösung hoffen wir und Heil

In wesenlosen Traumesgaben

Da wir doch Götter sind und teil

Am Urbeginn der Schöpfung haben



(Hermann Hesse)

 

 

Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht.

 
(Hermann Hesse: Siddhartha)

 

 

Wo ein Werk geschaffen, wo ein Traum weitergeträumt, ein Baum gepflanzt, ein Kind geboren wird, da ist das Leben am Werk und eine Bresche ins Dunkel der Zeit geschlagen.

 
(Hermann Hesse: Gesammelte Briefe)

 


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