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Zen-Geschichten

Der eine Ton (1)

 
Als Kakua, einer der frühen Zen-Weisen im Japan des 9. Jahrhunderts, von einer Reise durch ferne Länder zurückkehrte, bat ihn der Kaiser zu sich und trug ihm auf, alles zu berichten, was er auf seiner Reise erlebt hatte. Kakua verneigte sich tief, schwieg lange, nahm die kleine Bambus-Flöte, die er stets bei sich trug, aus der Tasche und spielte einen einzigen Ton, schwieg erneut, verneigte sich noch tiefer als vorher und – ging.

Der Kaiser war ratlos. Aber er bewahrte diesen einen Ton in seinem Herzen und – so wird berichtet – in hohem Alter fand er Erleuchtung.

 (Zen)

 

 

Die Botschaft erkennen

 
Ein Reisender kam in ein Kloster, um den Meister zu hören. Nach einer Weile sprach er zu einem der anderen Schüler: "Ich bin weit gereist, um dem Meister zuzuhören. Aber jetzt, wo ich ihn höre, finde ich seine Worte ganz gewöhnlich. "

Der Schüler antwortete: "Höre nicht auf seine Worte. Höre auf seine Botschaft."

"Und wie macht man das?"

"Halte dich an einen Satz, den er sagt. Schüttle ihn dann gut durch, bis alle Wörter herausfallen. Was übrig bleibt, wird dein Herz entflammen."

 (aus Mello, Anthony de: Eine Minute Weisheit, Herder, 1986, leicht überarbeitet)

 


Die Umkehr

 
Njoku kommt zum Roshi und bittet ihn um Rat. Er erzählt folgendes: Immer wenn er in der Abendstunde zum Tempel gehe um seine Andacht zu verrichten, sei der Schatten vor ihm so lang und schwarz. Er habe dabei immer das Gefühl, dass auch sein Inneres schwarz und trostlos sei – er fühle sich sehr mit Sünde behaftet. „Was soll ich tun, Roshi, verehrter Lehrer?“, bittet Njoku der Sünder.

Der Roshi sagt: „Hast du die Lösung noch nicht gefunden? Wende dich doch ganz einfach um, dann gibt es keinen Schatten mehr!“

 (Zen-Weisheit)

 

 

Ein Unterschied?

 
Eines Tages ging der Meister mit einigen seiner Schüler am Flussufer spazieren.

Er sprach: "Seht, wie die Fische im Wasser umherschnellen. Sie sind ganz in ihrem Element und genießen das wahrlich."

Ein Fremder, der die Aussage des Meisters mit angehört hatte, rief aus: "Meister - woher wisst Ihr das denn? Ihr seid doch gar kein Fisch!"

Die Schüler hielten den Atem an. Was für ein unverschämter Mann dieser Fremde war! Doch der Meister lächelte milde und sprach: "Und Du, woher weißt Du, dass ich kein Fisch bin - schließlich bist Du ja auch nicht ich!"

Den Schülern erschien die Antwort des Meisters wie eine Zurechtweisung und sie lachten. Aber der Fremde war tief betroffen, denn er erkannte den Sinn in den Worten des Meisters.

Er grübelte lange über den Satz und kam dann erneut zum Meister: "Ja, vielleicht unterscheidet Ihr Euch tatsächlich gar nicht so sehr von dem Fisch - und ich mich nicht von Euch."

 (aus: Eine Minute Weisheit, von Anthony de Mello, leicht überarbeitet)

 

 

Ende des Leides – Freude des Augenblicks

 
Ein Mann war auf der Flucht von einem Tiger. Er lief, was das Zeug hielt, kam aber plötzlich an einen Abgrund, in den er auch gestürzt wäre, hätte er sich nicht noch im letzten Moment an einer Baumwurzel festhalten können.

Als er da so zwischen Himmel und Erde hing, erblickte er in der Tiefe des Abgrunds einen weiteren Tiger, der mit blutrünstigen Blicken auf sein Opfer lauerte. Sein Leben war also verwirkt.

Er sah keine Rettung. Abwechselnd schaute er von oben nach unten, von unten nach oben, schließlich auch nach der Seite. Da hing doch in Reichweite eine große, rote, reife Erdbeere. Trotz seiner Todesangst griff er mit der freien Hand danach und labte sich an dem köstlichen Aroma der Waldesfrucht. Noch nie hatte er so hingegeben etwas auf der Zunge zerdrückt – noch nie war er je so in der Gegenwart, hatt sich selbst und seine Angst vergessen. Ein Blitz am Himmel – und er erlangte die große Befreiung.

 (Zen-Weisheit)

 


Nicht werten

 
Am Strand des Meeres wohnten drei alte Mönche. Sie waren so weise und fromm, dass jeden Tag ein kleines Wunder für sie geschah. Wenn sie nämlich morgens ihre Andacht verrichtet hatten und zum Bade gingen, hängten sie ihre Mäntel in den Wind. Und die Mäntel blieben im Wind schweben, bis die Mönche wiederkamen, um sie zu holen.

Eines Tages, als sie sich wieder in den Wellen erfrischten, sahen sie einen großen Seeadler übers Meer fliegen. Plötzlich stieß er auf das Wasser herunter, und als er sich wieder erhob, hielt er einen zappelnden Fisch im Schnabel.

Der eine Mönch sagte: „Böser Vogel!“ Da fiel sein Mantel aus dem Wind zur Erde nieder, wo er liegenblieb.

Der zweite Mönch sagte: „Du armer Fisch!“ – Und auch sein Mantel löste sich und fiel auf die Erde.

Der dritte Mönch sah dem enteilenden Vogel nach, der den Fisch im Schnabel trug. Er sah ihn kleiner und kleiner werden und endlich im Morgenlicht verschwinden. Der Mönch schwieg – sein Mantel blieb im Winde hängen.

 (Japan. Zen-Parabel)

 


Tee trinken

 
Zu einem alten Zen-Meister kam ein junger Zen-Schüler. Der Meister empfing ihn in seiner Klosterzelle und fragte: "Warst Du früher schon einmal bei mir?" Der Jüngling verneinte. "Gut," sprach der Meister, "dann trink erst einmal eine Tasse Tee." Damit entließ er ihn.

Wenig später ließ sich ein zweiter Schüler beim Meister melden. Auch ihm stellte dieser die gleiche Frage, wie dem ersten. "Ja," sagte der Schüler, "vor einem Jahr war ich schon einmal bei Euch." "Gut“, sprach der Alte, "dann trink erst einmal eine Tasse Tee."

Das beunruhigte den Vorsteher des Klosters. "Meister, " sagte er, "ich verstehe das nicht. Ihr fragtet die beiden Novizen, ob sie schon einmal hier gewesen seien. Der eine sagte nein, der andere ja; doch beide erhielten die gleiche Antwort. Was habt Ihr damit gemeint?"

"Klostervorsteher!" rief der Meister.

"Ja?" erwiderte der.

"Trink erst einmal eine Tasse Tee!"

 (Zen-Geschichte, gefunden in: "Gelassenwerden", Herder, 1996)

 

 

Vom Leben und vom Tod

 
Vielleicht ist die folgende Frage eine der wichtigsten überhaupt: Wie sollen wir im Angesicht des Todes leben? Ein großer Zen-Meister erzählt dazu folgendes Gleichnis:

Ein Mann war auf der Wanderung durch den dichten Dschungel. Plötzlich sprang ein Tiger aus dem Gebüsch.

Der Mann rannte davon, doch das wilde Tier folgte ihm. Der Mann rannte und rannte. Er kam an eine Klippe. Dort ergriff er in seiner Verzweiflung eine wilde Weinrebe und sprang über den Rand.

Nun hing er an der Weinrebe, voller Angst. Unter ihm konnte er auch noch einen zweiten Tiger entdecken, der nach oben zu ihm hinauffauchte und nur darauf wartete, ihn fressen zu können. Über ihm stand der andere Tiger und starrte ihn aus gelben Augen grimmig an. Die Weinrebe gab ein Stückchen nach und der Mann konnte sehen, dass sie kurz davor war, zu reißen.

Dann fiel sein Blick auf eine saftige Weintraube gleich vor seiner Nase. Während er sich mit der einen Hand weiter festhielt, pflückte er sich eine Traube und steckte sie in den Mund.

Wie köstlich sie schmeckte!

 (Zen-Geschichte, gefunden in: Gelassenwerden, Herder, 1996, leicht überarbeitet)

 

 

Wer erhält das Schwert?

 
Ein Zen-Meister des Schwertfechtens hatte drei Söhne. Als er seinen Tod herannahen fühlte, lag ihm die Frage sehr am Herzen, welchem Sohn er sein Schwert vererben sollte. Es war ihm klar, dass nur der die kostbare Waffe erben dürfte, der sie mit der größten Überlegung und der feinsten Kunst zu handhaben verstehe. Aber alle drei übertrafen längst ihre Mitschüler in der Kunst des Schwertfechtens und hatten schon hohe Grade erreicht. Wie also herausfinden, wer von den dreien wirklich der Beste sei?

Um seine Söhne auf die Probe zu stellen, dachte sich der Vater folgendes Experiment aus. Er legte über die Tür seines Wohnraums ein Meditationskissen so hin, dass es beim Öffnen der Tür herunterfallen musste – dem Eintretenden direkt auf den Kopf.

Der erste Sohn kam, öffnete die Tür, das Kissen fiel. Überrascht zog er augenblicklich sein Schwert und zerstückelte das Kissen in viele kleine Teile, dass die Federn nur so flogen. Blitzschnell geschah dies alles, und der Kämpfer war zufrieden mit seiner Reaktion. Der „Feind“ war geschlagen.

Auch der zweite Sohn kam, öffnete die Tür und das Kissen fiel auf seinen Kopf. Er verhielt einen Augenblick, doch nur, um dann umso leidenschaftlicher das Kissen zu zerhacken. So erwiderte er in Windeseile den vermeintlichen feindlichen Angriff.

Bald darauf trat der dritte Sohn durch die Tür. Das Kissen fiel ihm ebenso unerwartet wie den anderen auf den Kopf. Er stutzte, sah genauer hin und brach dann in schallendes Gelächter aus, weil ein einfaches Kissen ihn beinahe in Schrecken versetzt hätte. Sein Schwert blieb in der Scheide.

Wem hat der Vater wohl das Schwert zugesprochen?

 

 

Zwei Mönche

 
Zwei Mönche waren auf der Wanderschaft. Eines Tages kamen sie an einen Fluss.

Dort stand eine junge Frau mit wunderschönen Kleidern. Offenbar wollte sie über den Fluss, doch da das Wasser sehr tief war, konnte sie den Fluss nicht durchqueren, ohne ihre Kleider zu beschädigen.

Ohne zu zögern ging einer der Mönche auf die Frau zu, hob sie auf seine Schultern und watete mit ihr durch das Wasser. Auf der anderen Flussseite setzte er sie trocken ab.

Nachdem der andere Mönch auch durch den Fluss gewatet war, setzten die beiden ihre Wanderung fort.

Nach etwa einer Stunde fing der eine Mönch an, den anderen zu kritisieren: " Du weißt schon, dass das, was Du getan hast, nicht richtig war, nicht wahr? Du weißt, wir dürfen keinen nahen Kontakt mit Frauen haben. Wie konntest Du nur gegen diese Regel verstoßen?"

Der Mönch, der die Frau durch den Fluss getragen hatte, hörte sich die Vorwürfe des anderen ruhig an. Dann antwortete er: "Ich habe die Frau vor einer Stunde am Fluss abgesetzt - warum trägst Du sie immer noch mit Dir herum?"

 (frei nacherzählt, The Wisdom of Zen Masters)




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