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Texte zum Thema "Werden und Vergehen"


Auf den Tod...

 

Jetzt bist du schon gegangen, Kind,

Und hast vom Leben nichts erfahren,

Indes in unseren welken Jahren

Wir Alten noch gefangen sind.

 

Ein Atemzug, ein Augenspiel,

Der Erde Luft und Licht zu schmecken,

War dir genug und schon zuviel;

Du schliefst ein, nicht mehr zu wecken.

 

Vielleicht in diesem Hauch und Blick

Sind alle Spiele, alle Mienen

Des ganzen Lebens dir erschienen,

Erschrocken zogst du dich zurück.

 

Vielleicht wenn unsre Augen, Kind,

Einmal erloschen, wird uns scheinen,

Sie hätten von der Erde, Kind,

Nicht mehr gesehen als die deinen.

 

(Hermann Hesse)

 


Aus dem Leben von Freddie, dem Blatt

 

Freddie liebte es, ein Blatt zu sein. Er liebte seinen Ast, seine blättrigen Freunde, seinen Platz hoch im Himmel, den Wind, der ihn herumwirbelte und die Sonnenstrahlen, die ihn wärmten. Freddie war von Hunderten anderer Blättern umgeben. Sie alle waren zusammen aufgewachsen. Sie hatten gelernt in den Frühlingswinden zu tanzen, faul in der Sommersonne zu liegen und von kühlendem Regen gewaschen zu werden.

Daniel war Freddies bester Freund. Es kam Freddie so vor, als sei Daniel der Klügste von ihnen.

Eines Tages ereignete sich etwas sehr Seltsames. Derselbe Wind, der sie hatte tanzen lassen, zerrte und zog nun an ihnen, als ob er ärgerlich wäre. Allen Blättern wurde angst und bange. „Was ist los?“ fragten sie sich im Flüsterton.

„Das passiert im Herbst“, erzählte ihnen Daniel. „Für die Blätter ist es Zeit, ihr Zuhause zu wechseln. Einige Menschen nennen das sterben.“

„Müssen wir alle sterben?“ fragte Freddie.

„Ja“, antwortete Daniel. „Wir erledigen zuerst unsere Aufgabe. Wir erleben die Sonne und den Mond, den Wind und den Regen. Wir lernen zu tanzen und zu lachen und dann sterben wir.“

„Ich will nicht sterben“, sagte Freddie mit fester Stimme. „Willst du sterben, Daniel?“

„Ja, wenn meine Zeit gekommen ist“, antwortete Daniel.

„Ich habe Angst zu sterben“, sagte Freddie zu Daniel. „Ich weiß nicht, wie es da unten ist.“

„Wir alle fürchten das, was wir nicht kennen. Das ist normal“, versicherte ihm Daniel. „Du hattest auch keine Angst, als der Frühling zum Sommer und der Sommer zum Herbst wurde. Das waren normale Veränderungen. Warum solltest du vor der Jahreszeit Angst haben, in der du stirbst?“

„Stirbt der Baum auch?“ fragte Freddie.

„Eines Tages. Aber es gibt etwas Stärkeres als den Baum: das Leben. Das währt immer.“

„Wohin gehen wir, wenn wir sterben?“

„Niemand weiß das mit Sicherheit. Das ist ein großes Geheimnis“.

„Werden wir im Frühling zurückkehren?“

„Wir nicht, aber das Leben.“

„Was hat das alles für einen Sinn?“ fragte Freddie. „Warum sind wir überhaupt zum Leben erwacht, wenn wir fallen und sterben müssen?“

Daniel antwortete darauf auf seine sachliche Art: „Wegen der Sonne und dem Mond. Wegen der schönen Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Wegen dem Schatten, den alten Menschen und den Kindern. Wegen der Farben im Herbst. Ist das nicht genug?“

An diesem Nachmittag fiel Daniel herab. Er fiel mühelos. Er schien friedlich zu lächeln, während er fiel. „Auf Wiedersehen, Freddie“, sagte er.

 (Von Leo Buscaglia)

 

 

Bruder Tod

 

Auch zu mir kommst du einmal,

Du vergisst mich nicht,

Und zu Ende ist die Qual,

Und die Kette bricht.

 

Noch erscheinst du fremd und fern,

Lieber Bruder Tod,

Stehest als ein kühler Stern

Über meiner Not.

 

Aber einmal wirst du nah

Und voll Flammen sei –

Komm Geliebter, ich bin da,

Nimm mich ich bin dein.

 

(Hermann Hesse)

 

 

Deine Zeit

 
Es war einmal ein Mann der wollte die Zeit aufhalten, so ging er hinaus in die Hügel vor der Stadt und rief: "Zeit steh still".

Da kam ein Reiter des Weges uns sagte zu ihm: "Wenn dies dein Wunsch ist, so sei er dir erfüllt“, zog seinen Degen und stach ihn dem Mann in die Brust.

Zu dem Toten sagte er sodann: "Es gibt nur eine Zeit, deine Zeit und ihr Wesen ist Wandlung, wer die Veränderung nicht will, der will auch nicht das Leben“. Dann ritt er weiter.

 

 

Dem Tod entkommen!?

 

Ein reicher Kaufmann in Bagdad schickte eines Tages seinen Diener mit einem Auftrag zum Basar.

Als dieser zurückkam, zitterte er vor Angst am ganzen Leibe. "Herr", rief er, "auf dem Markt sah ich einen Fremden. Ich blickte ihm ins Gesicht und erkannte, dass es der Tod war! Er hob die Hand drohend gegen mich und ging davon. Nun habe ich große Angst. Bitte, Herr, gebt mir ein Pferd, damit ich sofort nach Samarra reiten kann, um möglichst weit fort vor dem Tod zu fliehen."

Der Kaufmann war sehr besorgt um seinen treuen Diener und gab ihm sein schnellstes Pferd. Der Diener schwang sich auf den Rücken des Tieres und raste im wilden Galopp davon.

Später am Tag ging der Kaufmann selbst zum Basar, um noch etwas zu erledigen. Dort sah er den Tod in der Menge der Menschen. Er ging auf ihn zu und fragte: "Du hast heute morgen meinem Diener gedroht. Was hatte das zu bedeuten?"

"Ich habe dem Mann keineswegs gedroht. Meine Geste drückte viel mehr mein Erstaunen aus, ihn hier anzutreffen. Mir hatte man nämlich gesagt, dass ich ihn heute Abend in Samarra treffen würde."

 
(aus: Anthony de Mello: Gib deiner Seele Zeit, Herder, 1999, Geschichte leicht überarbeitet)

 

 

Der Weg des Saatkorns

 

Das Saatkorn.

Das große Geheimnis von Leben und Sterben,

von Stille, Einfachheit, Verborgenheit.

Es überlässt sich der Dunkelheit der Erde.

Es fühlt die Wärme der Sonne.

Es trinkt den Segen des Regens.

Das Saatkorn sieht die Ähre nicht,

aber es glaubt daran.

Der Weg des Saatkorns ist der Weg

jedes Menschen

zur Fruchtbarkeit und Reife.

 

(Phil Bosmans)

 

 

 

Die letzten Worte des Meisters

 
Ein alter Zen-Meister stand am Ende seines Lebens. Seine Schüler versammelten sich um sein Sterbebett.

Einer von ihnen wusste, dass der Meister sein ganzes Leben lang eine besondere Art von Küchlein geliebt hatte. So war er am Tage zuvor durch die Stadt gelaufen, um diese Küchlein aufzutreiben. Glücklich bot er dem Meister nun ein solches Küchlein an.

Der alte Mann nahm den Kuchen mit zitternder Hand und einem müden Lächeln. Er führte ihn zum Mund und kaute langsam. Seine Kräfte schwanden zusehends.

Ein Schüler fragte leise, ob er noch eine letzte Botschaft für sie habe.

Der Meister nickte.

Die Schüler rückten ganz nahe zum Meister, um seine schwache Stimme zu hören.

"Diese Küchlein sind einfach wunderbar." und er verstarb.

 


Herbst

 

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Garten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andere an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

(Rainer Maria Rilke)



Man muss nie verzweifeln

 

Man muss nie verzweifeln,

wenn einem etwas verloren geht,

ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück;

es kommt alles noch herrlicher wieder.

 

Was abfallen muss, fällt ab;

was zu uns gehört, bleibt bei uns,

denn es geht alles nach Gesetzen vor sich,

die größer als unsere Einsicht sind

und mit denen wir nur scheinbar

im Widerspruch stehen.

 

Man muss in sich selber leben

und an das ganze Leben denken,

an alle seine Millionen Möglichkeiten,

Weiten und Zukünfte,

denen gegenüber es nichts Vergangenes

und Verlorenes gibt.

 

(Rainer Maria Rilke)

 

 

Stufen

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht,

blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch

und jede Tugend zu ihrer Zeit

und darf nicht ewig dauern.

 

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne trauern

in andere, neue Bindungen zu geben.

 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stufe um Stufe heben, weiten.

 

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

 

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegen senden,

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

 

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

(Hermann Hesse)

 

 

Vom Leben und vom Tod

 
Vielleicht ist die folgende Frage eine der wichtigsten überhaupt: Wie sollen wir  im Angesicht des Todes leben? Ein großer Zen-Meister erzählt dazu folgendes Gleichnis:

Ein Mann war auf der Wanderung durch den dichten Dschungel. Plötzlich sprang ein Tiger aus dem Gebüsch.

Der Mann rannte davon, doch das wilde Tier folgte ihm. Der Mann rannte und rannte. Er kam an eine Klippe. Dort ergriff er in seiner Verzweiflung eine wilde Weinrebe und sprang über den Rand.

Nun hing er an der Weinrebe, voller Angst. Unter ihm konnte er auch noch einen zweiten Tiger entdecken, der nach oben zu ihm hinauffauchte und nur darauf wartete, ihn fressen zu können. Über ihm stand der andere Tiger und starrte ihn aus gelben Augen grimmig an. Die Weinrebe gab ein Stückchen nach und der Mann konnte sehen, dass sie kurz davor war, zu reißen.

Dann fiel sein Blick auf eine saftige Weintraube gleich vor seiner Nase. Während er sich mit der einen Hand weiter festhielt, pflückte er sich eine Traube und steckte sie in den Mund.

Wie köstlich sie schmeckte!


 
(Zen-Geschichte, gefunden in: Gelassenwerden, Herder, 1996, leicht überarbeitet)

 

 

Welkes Blatt

 

Jede Blüte will zur Frucht,

Jeder Morgen Abend werden.

Ewiges ist nicht auf Erden,

als der Wandel, als die Flucht.

 

Auch der schönste Sommer will

einmal Herbst und Welke spüren.

Halte, Blatt, geduldig still,

wenn der Wind dich will entführen.

 

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,

lass es still geschehen.

Lass vom Winde, der dich bricht,

dich nach Hause wehen.

 

(Hermann Hesse)

 

 

 

Wenn der Tod kommt...

 
Der alte Meister war schwer erkrankt. Er musste das Bett hüten und seine Schüler machten sich große Sorgen, dass er bald sterben würde.

Mit gramvollen und totenbleichen Gesichtern standen sie um sein Bett herum. Doch der Meister war bester Laune und hoch vergnügt.

Da fragte ihn einer der Schüler: "Herr, wie schaffst du es, im Angesicht des Todes so gelassen zu sein?"

Der Meister lächelte breit.

"Das kann ich Euch sagen: Wenn der Tod hier wirklich vorbei kommen sollte, dann liegen die Chancen sehr gut, dass er versehentlich einen von euch statt mich mitnimmt - so wie Ihr aus der Wäsche schaut!"

 (gefunden in: Marco Aldinger: Geschichten für die kleine Erleuchtung, leicht umgeschrieben)




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