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Texte zum Thema "Leben und Selbstverwirklichung"


Aus dem Brief einer älteren Dame

 

„Könnte ich mein Leben nochmals leben, dann würde ich das nächste Mal riskieren, mehr Fehler zu machen. Ich würde mich entspannen, lockerer und humorvoller sein als dieses Mal. Ich kenne nur sehr wenige Dinge, die ich ernst nehmen würde.

Ich würde mehr verreisen. Und ein bisschen verrückter sein. Ich würde mehr Berge erklimmen, mehr Flüsse durchschwimmen und mir mehr Sonnenuntergänge anschauen. Ich würde mehr spazieren gehen und mir alles besser anschauen. Ich würde öfter ein Eis essen und weniger Bohnen.

Ich hätte mehr echte Schwierigkeiten als eingebildete. Müsste ich es noch einmal machen, ich würde einfach versuchen, immer nur einen Augenblick nach dem anderen zu leben, anstatt jeden Tag schon viele Jahre im Voraus.

Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, würde ich viel herumkommen, viele Dinge tun und mit sehr wenig Gepäck reisen. Könnte ich mein Leben nochmals leben, würde ich im Frühjahr früher und im Herbst länger barfuß gehen. Und ich würde öfter die Schule schwänzen.

Ich würde mir nicht so hohe Stellungen erarbeiten, es sei denn ich käme zufällig daran. Auf dem Rummelplatz würde ich viel mehr Fahrten machen, und ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.“


(Nadine Stair, leicht gekürzt und überarbeitet; gefunden in: Anthony Robbins: Das Robbins Power Prinzip, S. 533)

 

Bruchstücke

All das Vergangene
die gelebten Leidenschaften
der Alltag
das Alleinsein und die Umarmungen
die Verzweiflungen
die Zärtlichkeit und der Hass
Augenblicke wie Ewigkeiten
und geflohene Jahre
all die Leben, die ich schon lebte
die Widersprüche
das Erkennen und Vergessen
die Angst und die Hoffnung
das Gesicht im Spiegel
all die Bruchstücke
heißen ich


(D. Heckt-Albrecht) 

 

Das sinkende Boot

 
Der persische Weise Nasrudin befand sich einmal auf einer Fähre, die einen breiten Strom überquerte. Neben ihm stand ein Gelehrter, der angesichts seines immensen Wissens arrogant und aufgeblasen tat.

Er fragte Nasrudin: "Haben Sie jemals Astronomie studiert?"

"Nein." antwortete Nasrudin.

"Oh, da haben Sie aber viel von Ihrem Leben vergeudet! Mit dem Wissen über die Sterne kann ein Kapitän ein Schiff durch alle Weltenmeere navigieren."

Der Gelehrte fragte dann: "Haben Sie jemals Meteorologie studiert?"

"Nein." antwortet Nasrudin.

"Nun, dann haben Sie auch hier große Teile Ihres Lebens verschwendet! Wer über die Winde und das Wetter weiß, kann ein Schiff sicher und schnell von einem Ort zum anderen bringen."

Es folgte die Frage: "Und haben Sie wenigstens die Meereskunde studiert?"

"Nein, antwortete Nasrudin.

Mit mitleidigem Lächeln sagte der Gelehrte: "Zu schade, wie Sie auch hier Ihr Leben verschwendet haben! Die Kenntnis der Ströme ist unerlässlich um ein Schiff zu steuern."

Einige Minuten später stand Nasrudin auf, um ans Ende des Schiffs zu gehen. Beim Vorbeigehen fragte er den Gelehrten: "Haben Sie jemals schwimmen gelernt?"

"Nein, dazu hatte ich keine Zeit."

"Dann haben Sie Ihr ganzes Leben verspielt, denn dieses Boot sinkt gerade."

 
(gefunden in: Wiedergefunden! von Alan Cohen, leicht geändert)

 

 

Der Blinde und der Lahme oder Die Integration von Vernunft und Intuition

 

Es gibt eine alte Sufi-Geschichte:

Ein Blinder irrt orientierungslos durch den Wald. Plötzlich stolpert er über etwas am Boden und fällt der Länge nach hin. Als der Blinde auf dem Waldboden herumtastet, entdeckt er, dass er über einen Mann gefallen ist, der am Boden kauerte. Dieser Mann ist ein Lahmer, der nicht laufen kann.

Die beiden beginnen ein Gespräch miteinander und klagen sich gegenseitig ihr Schicksal.

"Ich irre schon seit ich denken kann in diesem Wald herum und finde nicht wieder heraus, weil ich nicht sehen kann." ruft der Blinde aus.

Der Lahme sagt: "Ich liege schon, seit ich denken kann, am Boden und komme nicht aus dem Wald heraus, weil ich nicht aufstehen kann."

Und während sie sich so unterhalten, ruft der Lahme plötzlich aus: "Ich hab's! Du nimmst mich auf den Rücken, und ich werde dir sagen, in welche Richtung du gehen musst. Zusammen können wir aus dem Wald herausfinden."

Laut Aussage des alten Geschichtenerzählers symbolisiert der Blinde die Rationalität, der Lahme die Intuition. Auch wir werden aus dem Wald nur herausfinden, wenn wir lernen beide zusammenzubringen.


 
(aus: Peter M. Senge: Die fünfte Disziplin, leicht geändert)

 

 

Der entspannte Bogen

 
Es heißt, dass der alte Apostel Johannes gern mit seinem zahmen Rebhuhn spielte.

Nun kam eines Tages ein Jäger zu ihm. Verwundert sah er, dass ein so angesehener Mann wie Johannes einfach spielte. Konnte der Apostel seine Zeit nicht mit viel Wichtigerem als mit einem Rebhuhn verbringen?

So frage er Johannes: "Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?"

Verwundert blickte Johannes auf. Er konnte gar nicht verstehen, warum er nicht mit dem Rebhuhn spielen sollte.

Und so sprach er: "Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?"

Der Jäger antwortete: "Das darf nicht sein. Ein Bogen verliert seine Spannkraft, wenn er immer gespannt wäre. Er hätte dann, wenn ich einen Pfeil abschießen wollte, keine Kraft mehr. Und so würde ich natürlich das anvisierte Ziel nicht treffen können."

Johannes sagte daraufhin: "Siehst du, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so müssen wir alle uns immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspannen würde, indem ich z.B. einfach ein wenig mit diesem - scheinbar so nutzlosen - Tier spiele, dann hätte ich bald keine Kraft mehr, all das zu tun, was notwendig ist. Nur so kann ich meine Ziele erreichen und das tun, was wirklich wichtig ist."


 
(Quelle: “Die Wow-Präsentation“ von Wolf W. Lasko und Iris Seim, Geschichte leicht geändert)

 

 

Der Hund und sein Spiegelbild

 
Es war einmal ein Hund. Er hatte großen Durst. Doch jedes Mal wenn er trinken wollte und dabei sein Spiegelbild im Wasser erblickte, erschrak er vor dem fremden großen Hund, den er sah und wich voller Angst zurück.

Irgendwann aber war sein Durst so groß und unerträglich, dass er seine Furcht überwand und mit einem großen Satz ins Wasser sprang. Und tatsächlich verschwand da auch der "andere" Hund.


(Idee nach Shah, Idries: "Lebe das wirkliche Glück", Herder, 1996, S. 153, Originaltitel: "Warum der Hund nicht trinken konnte")

 

 

Der Kampf  (Eine Fabel)

 

Ein Mann fand einen Schmetterlingskokon und nahm ihn mit nach Hause, um den Schmetterling schlüpfen zu sehen. Eines Tages wurde eine kleine Öffnung sichtbar. Während mehrerer Stunden kämpfte der Schmetterling, doch es schien, als könne er seinen Körper nicht über einen bestimmten Punkt hinaus bringen. Da glaubte der Mann, dass etwas nicht richtig sei, und nahm eine Schere, um den Rest des Kokons aufzuschneiden. Der Schmetterling schlüpfte mit Leichtigkeit heraus: ein großer, aufgedunsener Körper mit kleinen, schrumpeligen Flügeln. Der Mann dachte, dass sich die Flügel in ein paar Stunden zu ihrer natürlichen Schönheit entfalten würden, doch es geschah nicht. Anstatt sich in ein Geschöpf zu verwandeln, dass frei war zu fliegen, verbrachte der Schmetterling sein Leben damit, einen geschwollenen Körper und aufgedunsene Flügel mit sich herumzuschleppen. Der enge Kokon und der Kampf, der nötig ist, um durch die enge Öffnung hindurchzuschlüpfen, sind der Weg der Natur, Flüssigkeit vom Körper in die Flügel zu zwingen. Der 'gnadenvolle' Schnitt war in Wirklichkeit grausam.

Manchmal ist ein Kampf genau das, was wir brauchen.

 

Der kaputte Krug

 
Es war einmal ein Wasserträger in Indien. Auf seinen Schultern ruhte ein schwerer Holzstab, an dem rechts und links je ein großer Wasserkrug befestigt war. Nun hatte einer der Krüge einen Sprung. Der andere hingegen war perfekt geformt und mit ihm konnte der Wasserträger am Ende seines langen Weges vom Fluss zum Haus seines Herren eine volle Portion Wasser abliefern. In dem kaputten Krug war hingegen immer nur etwa die Hälfte des Wassers, wenn er am Haus ankam. Für volle zwei Jahre lieferte der Wasserträger seinem Herren also einen vollen und einen halbvollen Krug.

Der perfekte der beiden Krüge war natürlich sehr stolz darauf, dass der Wasserträger in ihm immer eine volle Portion transportieren konnte. Der Krug mit dem Sprung hingegen schämte sich, dass er durch seinen Makel nur halb so gut war wie der andere Krug.

Nach zwei Jahren Scham hielt der kaputte Krug es nicht mehr aus und sprach zu seinem Träger: "Ich schäme mich so für mich selbst und ich möchte mich bei dir entschuldigen." Der Wasserträger schaute den Krug an und fragte: "Aber wofür denn? Wofür schämst du dich?" "Ich war die ganze Zeit nicht in der Lage, das Wasser zu halten, so dass du durch mich immer nur die Hälfte zu dem Haus deines Herren bringen konntest. Du hast die volle Anstrengung, bekommst aber nicht den vollen Lohn, weil du immer nur anderthalb statt zwei Krüge Wasser ablieferst." sprach der Krug.

Dem Wasserträger tat der alte Krug leid und er wollte ihn trösten. So sprach er: "Achte gleich einmal, wenn wir zum Haus meines Herren gehen, auf die wundervollen Wildblumen am Straßenrand."

Der Krug konnte daraufhin ein wenig lächeln und so machten sie sich auf den Weg. Am Ende des Weges jedoch fühlte sich der Krug wieder ganz elend und entschuldigte sich erneut zerknirscht bei dem Wasserträger. Der aber erwiderte: "Hast du die Wildblumen am Straßenrand gesehen? Ist dir aufgefallen, dass sie nur auf deiner Seite des Weges wachsen, nicht aber auf der, wo ich den anderen Krug trage? Ich wusste von Beginn an über deinen Sprung. Und so habe ich einige Wildblumensamen gesammelt und sie auf Deiner Seite des Weges verstreut. Jedes Mal, wenn wir zum Haus meines Herren liefen, hast du sie gewässert. Ich habe jeden Tag einige dieser wundervollen Blumen pflücken können und damit den Tisch meines Herren dekoriert. Und all diese Schönheit hast du geschaffen."

(Autor unbekannt, aus dem Englischen übersetzt)

 

 

Der Korb des alten Mannes

 
Es war einmal ein Waisenjunge. Er zog von Dorf zu Dorf, immer auf der Suche nach etwas Essbarem und einem Dach über dem Kopf.

Eines Tages traf der Junge auf einen alten Mann, der ebenfalls von Dorf zu Dorf wanderte. Sie beschlossen, gemeinsam weiterzugehen.

Der alte Mann trug einen großen, zugedeckten Weidenkorb, der offenbar sehr schwer war, denn der Alte lief tief gebeugt und stöhnte hin und wieder unter der Last. Als sie Rast an einem Bach machten, stellte der alte Mann seinen Korb erschöpft auf den Boden.

Der Junge fragte "Soll ich deinen Korb für dich tragen?"

"Nein", antwortete der Alte, "den Korb kannst du nicht für mich tragen. Ich muss ihn ganz allein tragen."

"Was ist denn in dem Korb?" fragte der Junge, doch er erhielt keine Antwort.

Viele Tage wanderten die beiden gemeinsam. Nachts, wenn der Alte glaubte, dass der Junge schlief, kramte er in seinem Korb herum und sprach leise mit sich selbst.

Es kam der Tag, an dem der alte Mann nicht mehr weitergehen konnte. Er legte sich nieder, um zu sterben. Und er sprach zu dem Jungen: "Du wolltest wissen, was in meinem Korb ist, nicht wahr? In diesem Korb sind all die Dinge, die ich von mir selbst glaubte und die nicht stimmten. Es sind die Steine, die mir meine Reise erschwerten. Auf meinem Rücken habe ich die Last jedes Kieselsteines des Zweifels, jedes Sandkorn der Unsicherheit und jeden Mühlstein des Irrwegs getragen, die ich Laufe meines Lebens gesammelt habe. Aber ach - ohne sie hätte ich so viel weiter kommen können, im Leben. Statt meine Träume zu verwirklichen, bin ich nun nur hier angekommen." Und er schloss die Augen und starb.

Der Junge ging zu dem Korb und hob den Deckel ab. Der Korb, der den alten Mann so lange niedergedrückt hatte, war leer.

(gefunden in: Anleitung zum positiven Denken, von Shad Helmstetter, gekürzt und leicht geändert)

 

Der Suchende

 
Es war einmal ein Suchender. Er suchte nach einer Lösung für sein Problem, konnte sie aber nicht finden. Er suchte immer heftiger, immer verbissener, immer schneller und fand sie doch nirgends.

Die Lösung ihrerseits war inzwischen schon ganz außer Atem. Es gelang ihr einfach nicht, den Suchenden einzuholen, bei dem Tempo, mit dem er hin- und herraste, ohne auch nur einmal zu verschnaufen oder sich umzusehen.

Eines Tages brach der Suchende mutlos zusammen, setzte sich auf einen Stein, legte den Kopf in die Hände und wollte sich eine Weile ausruhen.

Die Lösung, die schon gar nicht mehr daran geglaubt hatte, dass der Suchende einmal anhalten würde, stolperte mit voller Wucht über ihn! Und er fing auf, was da so plötzlich über ihn hereinbrach und entdeckte erstaunt, dass er seine Lösung in Händen hielt.


(Quelle unbekannt)

 

 

Der verzagte Baumwollfaden

 
Es war einmal ein kleiner weißer Baumwollfaden, der hatte ganz viel Angst, dass er so wie er war, zu nichts nutze sei. Ganz verzweifelt dachte er immer wieder: "Ich bin nicht gut genug, ich tauge zu nichts. Für einen Pullover bin ich viel zu kurz. Selbst für einen winzig kleinen Puppenpullover tauge ich nichts! Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach. Nicht mal ein Hüpfseil kann ich aus mir machen lassen! Mich an andere kräftige, dicke, lange Fäden anknüpfen kann ich nicht, die lachen doch sowieso über mich. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht, dazu bin ich zu blass und zu farblos. Ja, wenn ich aus Goldgarn wäre, dann könnte ich eine Stola verzieren oder ein Kleid... Aber so?! Ich bin zu gar nichts nütze. Was kann ich schon? Niemand braucht mich. Keiner beachtet mich. Es mag mich sowieso niemand."

So sprach der kleine weiße Baumwollfaden mit sich - Tag für Tag. Er zog sich ganz zurück, hörte sich traurige Musik an und weinte viel. Er gab sich ganz seinem Selbstmitleid hin.

Eines Tages klopfte seine neue Nachbarin an der Tür: ein kleines weißes Klümpchen Wachs. Das Wachsklümpchen wollte sich bei dem Baumwollfaden vorstellen. Als es sah, wie traurig der kleine weiße Baumwollfaden war und sich den Grund dafür erzählen ließ, sagte es: "Lass dich doch nicht so hängen, du schöner, kleiner, weißer Baumwollfaden. Mir kommt da so eine Idee: wir beide sollten uns zusammen tun! Für eine Kerze am Weihnachtsbaum bin ich zu wenig Wachs und du als Docht zu klein, doch für ein Teelicht reicht es allemal. Es ist doch viel besser, ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu klagen!"

Da war der kleine weiße Baumwollfaden ganz glücklich und tat sich mit dem kleinen weißen Klümpchen Wachs zusammen und sagte: "Endlich hat mein Dasein einen Sinn."

Wer weiß, vielleicht gibt es in der Welt noch viele kleine weiße Baumwollfäden und viele kleine weiße Wachsklümpchen, die sich zusammentun könnten, um der Welt zu leuchten?!

 

 

Der Zauberer

 
Das Leibgericht des Mullahs war "Fesenjan" - ein Gericht, das mit Nüssen zubereitet wird. Seine Frau hatte ihm das Gericht versprochen und nun wollte der Mullah die Nüsse dafür aus dem Nusskrug holen. Er fasste tief in den Krug und ergriff so viele Nüsse, wie er fassen konnte. Als er seinen Arm herausziehen wollte, gelang ihm das aber nicht. So sehr er auch zog und zerrte, der Krug wollte seinen Arm nicht mehr freigeben. Er jammerte und fluchte so, wie es ein Mullah eigentlich nicht tun sollte, aber nichts half. Sogar seine Frau zog aus Leibeskräften am Krug, aber auch sie konnte nichts erreichen.

So wurden die Nachbarn zu Hilfe gerufen, die beobachteten aber nur schaulustig das Geschehen. Jedoch einer von ihnen trat hervor und schaute sich die Sache genau an. Er fragte den Mullah, wie es dazu gekommen war und der erzählte ihm weinerlich die Begebenheit.

Da sprach der Nachbar: "Ich kann Dir helfen. Dafür musst Du aber genau das tun, was ich Dir sage." Der Mullah antwortete: "Ich tu' alles, wenn mir nur geholfen wird."

Der Nachbar forderte den Mullah als erstes auf, seinen Arm wieder zurück in den Krug zu schieben. Der Mullah fand das sehr seltsam, denn schließlich wollte er ja die Hand aus dem Krug und nicht noch weiter hinein bekommen. Aber er tat, wie ihm geheißen.

Dann sagte der Nachbar, der Mullah solle nun die Nüsse loslassen. Der Mullah war ärgerlich, denn er wollte doch schließlich die Nüsse für sein Leibgericht. Widerwillig tat er, was der Nachbar forderte.

"Und nun mach Deine Hand ganz schmal und zieh sie heraus." Der Mullah tat's und war frei. Aber zufrieden war er nicht. "Ich bin jetzt zwar vom Krug befreit, aber ich habe keine Nüsse!"

Da ergriff der Nachbar den Krug, kippte ihn um und ließ so viele Nüsse herausrollen, wie der Mullah brauchte.

Der Mullah stand mit weit aufgerissenen Augen da und sagte: "Sag, bist Du ein Zauberer?"


 
(gefunden in: Der Kaufmann und der Papagei, von Nossrat Peseschkian)

 

 

Der Zirkusbär

 
Es war einmal ein Zirkusbär. Sein Zuhause bestand aus einem kleinen Käfig. Er war bereits in einem solchen Käfig geboren worden und verbrachte seine Freizeit damit, in diesem Käfig zehn Schritt vorwärts zu machen und wieder zehn Schritte rückwärts.

Irgendwann beschloss der Zirkusdirektor, den Zirkus aufzugeben, da er nur noch Verluste machte. Er fuhr mit den Bären in den Wald, stellt den Käfig ab und öffnete die Tür, bevor er abfuhr.

Der Bär steckte die Nase aus der offenen Käfigtür. Nun stand ihm die Welt offen für ein Leben als ein freier Bär.

Der Bär sprang aus dem Käfig. Er stapfte einen Schritt vorwärts, vier, sechs, acht, neun... Aber nach dem zehnten Schritt ging der Bär wieder zehn Schritte rückwärts...

 (nach Bert Hellinger)

 

 

Die Einweisung

 
Immer wenn ein neuer Schüler zum Meister kam, um bei ihm zu lernen, setzte sich der Meister mit ihm zusammen auf dem Boden und stellte ihm einige Fragen.

"Weißt du, wer der einzige Mensch ist, der dich im ganzen Leben nie verlassen wird?" fragte er den Neuankömmling.

"Nein Meister, wer ist es?"

"Du."

"Und kennst du die Antwort auf jede Frage, die dir je einfallen wird?" fragte der Meister weiter.

"Nein, ich weiß es nicht. Wie lautet sie?"

"Du."

"Und kannst du die Lösung aller deiner Probleme ahnen?" fragte der Meister als letztes.

"Nein Meister, ich gebe auf."

"Du."

(aus Mello, Anthony de: Gib deiner Seele Zeit, Herder, 1999 Geschichte leicht überarbeitet)

 

 

Die Fabel von den Fröschen...

 
Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie als Ziel fest, auf den höchsten Punkt eines großen Turms zu gelangen.

Am Tag des Wettlaufs versammelten sich viele andere Frösche, um zuzusehen.

Dann endlich - der Wettlauf begann.

Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie also "Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!" oder "Das ist einfach unmöglich!" oder "Das schafft Ihr nie!"

Und wirklich schien es, als sollte das Publikum Recht behalten, denn nach und nach gaben immer mehr Frösche auf.

Das Publikum schrie weiter: "Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!"

Und wirklich gaben bald alle Frösche auf - alle, bis auf einen einzigen, der unverdrossen an dem steilen Turm hinaufkletterte - und als einziger das Ziel erreichte.

Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert und alle wollten von ihm wissen, wie das möglich war.

Einer der anderen Teilnehmerfrösche näherte sich ihm, um zu fragen, wie er es geschafft hätte, den Wettlauf zu gewinnen.

Und da merkten sie erst, dass dieser Frosch taub war!


 
(Verfasser unbekannt)

 

 

Eine andere Version dieser Geschichte:

 

 

Die Geschichte von den Fröschen


Es war einmal eine Gruppe von Fröschen, die gemeinsam durch einen Wald liefen. Plötzlich fielen zwei von ihnen in eine tiefe Grube, die sie nicht gesehen hatten. Die anderen Frösche konnten einen Sturz in die Grube gerade noch verhindern und versammelten sich nun um das Loch im Boden. Sie blickten zu den beiden Kameraden herab, die tief unten auf dem Boden hockten und versuchten, aus der Grube herauszuspringen.

Als sie sahen, wie tief das Loch war, riefen sie den beiden zu, dass das Springen keinen Sinn hätte - die Grube sei viel zu tief. Sie sollten lieber aufgeben und einfach sterben.

Der eine von den beiden ließ sich durch die Aussicht, schon so gut wie tot zu sein, schnell entmutigen. Er erkannte, keine Chance zu haben und hörte auf zu springen. Schnell starb er.

Die anderen riefen zu dem übrig gebliebenen Frosch, dass er sich doch nicht weiter quälen, sondern sich ebenso wie der andere Frosch zum Sterben bereit machen sollte.

Der andere Frosch aber sprang weiter - unermüdlich, verbissen und eifrig. Höher und immer höher. Er mobilisierte noch einmal alle Kräfte und schafft es tatsächlich, aus der Grube zu springen.

Oben angekommen fragten ihn die anderen Frösche: "Sag hast du uns nicht gehört? Wir hätten nie gedacht, dass es möglich sein könnte, aus der Grube zu springen."

Schnell stellte sich heraus, dass dieser Frosch schwerhörig war. Er hatte die ganze Zeit gedacht, die anderen feuerten ihn an!


 
(nach Michael Peterson)

 

 

und noch eine Frosch-Geschichte:

 

 

Die Frösche im Milchtopf

 
Auf dem Bauernhof stand ein Eimer. Zwei Frösche kamen vorbei und waren neugierig, was da wohl im Eimer sei. Also sprangen sie mit einem großen Satz in den Eimer.

Es stellte sich heraus, dass das keine so gute Idee gewesen war, denn der Eimer war halb gefüllt mit Milch. Da schwammen die Frösche nun in der Milch, konnten aber nicht mehr aus dem Eimer springen, da die Wände zu hoch und zu glatt waren.

Der Tod war ihnen sicher.

Der eine der beiden Frösche war verzweifelt. "Wir müssen sterben", jammerte er "hier kommen wir nie wieder heraus." Und er hörte mit dem Schwimmen auf, da alles ja doch keinen Sinn mehr hatte.

Der Frosch ertrank in der Milch.

Der andere Frosch aber sagte sich: "Ich gebe zu, die Sache sieht nicht gut aus. Aber aufgeben tue ich deshalb noch lange nicht. Ich bin ein guter Schwimmer! Ich schwimme, so lange ich kann."

Und so stieß der Frosch kräftig mit seinen Hinterbeinen und schwamm im Eimer herum. Immer weiter. Er schwamm und schwamm und schwamm. Und wenn er müde wurde, munterte er sich selbst immer wieder auf. Tapfer schwamm er immer weiter.

Und irgendwann spürte er an seinen Füßen eine feste Masse. Ja tatsächlich - da war keine Milch mehr unter ihm, sondern eine feste Masse. Durch das Treten hatte der die Milch zu Butter geschlagen! Nun konnte er aus dem Eimer in die Freiheit springen.


 
(Quelle unbekannt)

 

 

Die Feuerwehr

 
Zwei Freunde gehen im Moor spazieren. Plötzlich sinkt einer von ihnen bis zur Brust in den Morast. Schnell rennt der andere los, um die Feuerwehr zu holen. Die trifft auch prompt ein und fährt die Leiter aus, um den Versinkenden zu retten. Der winkt aber ab: "Ich bin nun 50 Jahre Christ und immer treu und brav in die Kirche gegangen. Der Herr wird mich schon retten!"  Also fährt die Feuerwehr kopfschüttelnd wieder ab.

Nach einigen Stunden entscheidet der Feuerwehrchef, doch noch mal ins Moor fahren: "Der Mann stirbt ja sonst, dem müssen wir einfach helfen!" Als sie ankommen, sehen sie, dass nur noch der Kopf des Mannes aus dem Moor herausguckt. Also wird die Leiter wieder ausgefahren. "Nix da", ruft da der Versinkende energisch, "Ich bin 50 Jahre Christ, habe auch immer meine Kirchensteuer bezahlt. Gott wird mich schon retten!" Die Feuerwehr kann es nicht fassen, aber die Männer fahren wieder fort.

Am kommenden Morgen muss der Feuerwehrchef aber doch wieder an den Mann im Moor denken und er lässt noch einmal ausrücken. Im Moor angekommen sehen die Männer aber nur noch, wie die letzten Haare versinken! Für sie ist nichts mehr zu machen!

Der Verstorbene kommt nun im Himmel an und ist sehr wütend: "Sofort her mit dem Chef", brüllt er Petrus an, der diesen auch sofort holt. Er schnauzt los: "50 Jahre bin ich nun Christ, immer habe ich brav meine Kirchensteuer gezahlt, keinen Gottesdienst habe ich versäumt - und nun so was! Hättest du mir nicht ein wenig unter die Arme greifen können?"

"Ich verstehe deinen Ärger nicht, mein Sohn." sagt da Gott und fragt. "Habe ich dir nicht dreimal die Feuerwehr geschickt?"


 
(Quelle unbekannt)

 

 

Die leere Tasse...

 
Eines Tages kam eine Schülerin zum Meister. Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Sie hatte alle Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg hinauf gekommen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die junge Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz auf dem Boden und trank Tee. Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie schon alles gelernt hatte. Dann bat sie ihn, bei ihm weiterlernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: "Komm in einem Monat wieder."

Von dieser Antwort verwirrt ging die junge Frau zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, warum der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte. Einen Monat später erklomm sie den Berg erneut und kam zum Meister, der wieder teetrinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin von all den Hypothesen und Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: "Komm in einem Monat wieder."

Dieses Spiel wiederholte sich einige Male. Es war also nach vielen vergeblichen Versuchen, dass sich die junge Frau erneut aufmachte, um zu dem Meister zu gehen.

Als sie diesmal beim Meister ankam und ihn wieder teetrinkend vorfand, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte und sagte nichts. Nach einer Weile ging der Meister in seine Behausung und kam mit einer Tasse zurück. Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: "Jetzt kannst du hier bleiben, damit ich dich lehren kann. In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen."

 
(Quelle: unbekannt)

 

 

Die Schnecke und der Kirschbaum

 
Der Meister wurde einmal gefragt, ob er es nicht manchmal leid sei und sich entmutigt fühle, wenn all seine Mühe kaum Früchte trägt. Da erzählte er die folgende Geschichte:

Es war einmal eine Schnecke, die sich an einem nasskalten, grauen und stürmischen Frühjahrstag aufmachte, am Stamm eines Kirschbaumes hinaufzuklettern. Die Spatzen, die überall im Garten saßen, lachten über die Schnecke und zwitscherten: "Du bist ja ein Dummkopf - schau doch, da sind überhaupt keine Kirschen am Baum! Warum machst du dir die Mühe, da hochzuklettern?"

Die Schnecke kroch unbeirrt weiter und sagte zu den Spatzen: "Das macht mir nichts - bis ich oben angekommen bin, sind Kirschen dran!"

(aus Mello, Anthony de: Gib deiner Seele Zeit, Herder, 1999. Geschichte leicht überarbeitet)

 


 

Die Vergangenheit überholt,

die Gegenwart überfordert,

die Zukunft überfüllt,

 

o d e r :

 

Die Vergangenheit bewältigen,

die Gegenwart beurteilen,

die Zukunft beginnen.

 

(Verfasser unbekannt)

 

 

Die Weisheit des Universums

 
Vor langer Zeit überlegten die Götter, dass es sehr schlecht wäre, wenn die Menschen die Weisheit des Universums finden würden, bevor sie tatsächlich reif genug dafür wären. Also entschieden die Götter, die Weisheit des Universums so lange an einem Ort zu verstecken, wo die Menschen sie solange nicht finden würden, bis sie reif genug sein würden.

Einer der Götter schlug vor, die Weisheit auf dem höchsten Berg der Erde zu verstecken. Aber schnell erkannten die Götter, dass der Mensch bald alle Berge erklimmen würde und die Weisheit dort nicht sicher genug versteckt wäre. Ein anderer schlug vor, die Weisheit an der tiefsten Stelle im Meer zu verstecken. Aber auch dort sahen die Götter die Gefahr, dass die Menschen die Weisheit zu früh finden würden.

Dann äußerte der weiseste aller Götter seinen Vorschlag: "Ich weiß, was zu tun ist. Lasst uns die Weisheit des Universums im Menschen selbst verstecken. Er wird dort erst dann danach suchen, wenn er reif genug ist, denn er muss dazu den Weg in sein Inneres gehen."

Die anderen Götter waren von diesem Vorschlag begeistert und so versteckten sie die Weisheit des Universums im Menschen selbst.


 
(Verfasser unbekannt)

 

 

Die wesentlichen Dinge des Lebens sind umsonst

 

Die wesentlichen Dinge

Des Lebens sind umsonst.

Sie werden dir gratis gegeben:

 

Der Schoß deiner Mutter.

Eine Mutter, die singt.

Ein Platz am Tisch

Und eine herzliche Umarmung.

Das Licht des Frühlings.

Das Lachen eines Kindes.

Das Lied eines Vogels.

Das Plätschern des Baches.

Der Saft in den Bäumen.

Die Wogen des Meeres.

Der Tag und die Nacht.

Die Ruhe und die Stille.

Der siebte Tag.

Das Leben und das Sterben.

Das Menschsein auf Erden.

 

(Phil Bosmans)

 


Die wichtigen Dinge des Lebens

 

Ein Philosophieprofessor stand vor seinen Studenten und hatte ein paar Dinge vor sich liegen. Als der Unterricht begann nahm er ein großes leeres Mayonnaiseglas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen. Anschließend fragte er seine Studenten, ob das Glas voll sei. Sie stimmten ihm zu. Der Professor nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen und schüttete sie in das Glas und schüttelte es leicht. Die Kieselsteine rollten natürlich in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann fragte er seine Studenten erneut, ob das Glas jetzt voll sei. Sie stimmten wieder zu und lachten.

 

Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und schüttete ihn in das Glas. Natürlich füllte der Sand die letzten Zwischenräume im Glas aus. "Nun", sagte der Professor zu seinen Studenten, "Ich möchte, dass Sie erkennen, dass dieses Glas wie ihr Leben ist! Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben: Menschen die Sie mögen, Ihre Träume, Ihre Gesundheit, Ihre Kinder - Dinge, die wenn alles andere wegfiele und nur sie übrig blieben - ihr Leben immer noch erfüllen würden. Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge, wie z. B. Ihre Arbeit, Ihre Wohnung, Ihr Haus oder Ihr Auto. Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Problemchen, Dinge die einen ärgern, o. ä. Wenn Sie den Sand zuerst in das Glas füllen, bleibt kein Raum für die Kieselsteine oder die großen Steine. So ist es auch in Ihrem Leben: Wenn Sie all ihre Energie für die kleinen Dinge in ihrem Leben aufwenden, haben Sie für die großen keine mehr. Achten Sie daher auf die wichtigen Dinge, nehmen Sie sich Zeit für die Kieselsteine, achten sie auf Ihre Gesundheit. Es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt, Partys usw. Achten Sie zuerst auf die großen Steine - sie sind es, die wirklich zählen. Der Rest ist nur Sand."

 

Nach dem Unterricht nahm einer der Studenten das Glas mit den großen Steinen, den Kieseln und dem Sand - bei dem mittlerweile sogar der Professor zustimmte, dass es voll sei - und schüttete ein Glas Bier hinein. Das Bier füllte den noch verbliebenen Raum im Glas aus; dann war es wirklich voll.


 

Ein Leben füllt nicht hundert Jahre

 

Ein Leben füllt nicht hundert Jahre,

doch immer ist es voll von  tausend Jahren Sorge.

Der Mittag kurz und bitter lang die Nächte!

Warum nicht greifst du nach der Lampe,

gehst die kurzen Freuden dir zu suchen,

wenn nicht heute?

Was willst du warten Jahr um Jahr?

 

(Chinesischer Weiser der Han-Dynastie)



Ein Lehrstück

 

Ein Mann kam erwartungsvoll in ein Kloster, um dort bei einem bekannten Meister zu lernen. Er war aber schnell enttäuscht, denn die Worte des Meisters beeindruckten ihn wenig.

Er wandte sich an einen anderen Schüler: "Ich war auf der Suche nach einem echten Meister. Ich hoffte ihn hier zu finden. Aber nun habe ich hier nur einen Menschen gefunden, der sich in nichts von anderen Menschen unterscheidet."

Der Schüler antwortete ihm: "Der Meister ist wie ein Schuhmacher. Er hat einen unendlichen Vorrat an Leder. Aber das Zuschneiden und das Zusammennähen nimmt er nach den Abmessungen Eures Fußes vor."

 
(aus: Anthony de Mello: Eine Minute Weisheit, Herder, 1986 -Geschichte leicht überarbeitet, Originaltitel: "Verhältnis", S. 99)

 

Eine kleine Geschichte
 

Mein Freund öffnete eine Schublade der Kommode seiner Frau und holte daraus ein kleines Paket hervor, das in Seide
eingewickelt war: 

Er ging zum Bett und legte das Päckchen zu den anderen Sachen, die der Bestatter mitnehmen würde. 

Seine Frau war gestorben.

Er drehte sich zu mir um und sagte: «Hebe niemals etwas für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den du erlebst,
ist besonders!» 

Ich denke immer an seine Worte, sie haben mein Leben verändert. 

Heute lese ich viel mehr als früher und putze weniger.
 
Ich setze mich auf meine Terrasse und genieße den Blick in die Natur, ohne mich am Unkraut im Garten zu stören. 

Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden und arbeite weniger.

Ich habe begriffen, dass das Leben aus einer Sammlung an Erfahrungen besteht, die man zu schätzen wissen sollte. 

Außerdem schone ich nichts.

Ich nehme die guten Kristallgläser jeden Tag, und ziehe meine neue Jacke zum Einkaufen im Supermarkt an, wenn mir
danach ist.  

Ich hebe mein bestes Parfum nicht mehr für Festtage auf sondern trage es, wenn ich Lust habe. 

Sätze wie « irgendwann » und « eines Tages » werden aus meinem Vokabular verbannt. 

Wann immer es sich lohnt, will ich, was mir in den Sinn kommt, gleich sehen, hören und machen.

Ich weiß nicht, was die Frau meines Freundes getan hätte, hätte sie gewusst, dass sie morgen nicht mehr da ist
(ein Morgen, das uns viel zu sehr egal ist). 

Ich denke, sie hätte ihre Familie und enge Freunde angerufen. Vielleicht hätte  sie sich bei alten Freunden für einen
Streit entschuldigt, der lange her war. 

Ich stelle mir gern vor, dass sie chinesisch essen gegangen wäre (zu ihrem Lieblings-Chinesen).

Es sind die ganz kleinen nie getanen Dinge, die mich ärgern würden, wenn ich wüsste, dass meine Stunden gezählt sind.

Ich wäre traurig, gute Freunde nicht mehr getroffen zu haben, mit denen ich schon so lange Kontakt aufnehmen wollte
(… irgendwann, eben). 

Traurig, dass ich die Briefe nicht mehr geschrieben habe, die ich schreiben wollte « irgendwann, eben ».

Traurig, dass ich meinen Lieben nicht oft genug gesagt habe, dass ich sie liebe. 

Inzwischen verschiebe ich nichts mehr, bewahre nichts für eine besondere Gelegenheit auf, was ein Lächeln in unser
Leben bringen könnte. 

Ich sage mir, dass jeder Tag ein besonderer Tag ist. 

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist besonders...

Bonne journée.

 

Eine Lehrstunde der besonderen Art

 
Ein Philosophieprofessor eröffnete seine Vorlesung mit folgenden Worten: "Es geht heute um das Thema "Zeitmanagement" und wir werden dazu ein Experiment machen". Er nahm ein Goldfischglas, stellte es auf den Tisch und füllte es mit einigen großen Steinen, bis kein weiterer mehr hineinpasste. Nun blickte er in die Runde und fragte: "Ist das Glas voll?"

Die Studenten antworteten im Chor: "Ja!"

"Wirklich?"

Der Professor nahm eine Schachtel, öffnete sie und kippte vorsichtig Kieselsteine in das Glas und schüttelte es dabei leicht. Der Kies füllte die Zwischenräume zwischen den großen Steinen. Dann blickte er wieder in die Runde und fragte erneut: "Ist dieses Glas voll?".

Dieses Mal durchschauten die Studenten sein Spielchen. Einer davon antwortete: "Sehr wahrscheinlich nicht!"

"Gut", antwortete der Professor. Nun nahm er einen Beutel, öffnete ihn und begann behutsam Sand in das Glas zu schütten. Der Sand füllte die Löcher zwischen den Steinen und dem Kies. Er blickte dann auf seine Gruppe und fragte: "Welche Erkenntnis lässt sich mit diesem Experiment demonstrieren?"

Ein Student, nachdem er über das Thema des Kurses nachgedacht hatte, antwortete: "Das beweist, dass auch wenn man glaubt, die Agenda sei vollständig voll, man dennoch immer neue Termine hinzufügen kann, wenn man wirklich will".

"Nein", antwortete der Professor, "genau das bedeutet es nicht. Die Erkenntnis, die wir aus diesem Experiment gewinnen können, ist die folgende: Wenn man nicht zuallererst die großen Steine in das Glas legt, finden sie später keinen Platz mehr!"

Die Studenten schwiegen und dachten über diese Aussage nach. Dann fragte der Professor: "Welches sind denn die großen Steine in Euren Leben?

Gesundheit,

Familie,

Kinder,

Freunde,

Träume,

lernen,

lachen

sich verwirklichen

...

 Oder was ist es für Euch?

Macht Euch bewusst, wie wichtig diese großen Steine in Eurem Leben sind! Wenn man sie nicht zuallererst in sein Leben bringt, läuft man Gefahr, unglücklich und unzufrieden zu sein. Wenn man den unbedeutenden und kleinen Dingen im Leben (also dem Kies oder gar dem Sand) den Vorrang gibt, füllt man sein Leben mit Nichtigkeiten. So wird uns schnell die kostbare Zeit fehlen, uns den wirklich wichtigen Dingen in unserem Leben zu widmen.

Also vergesst nicht, Euch die Frage zu stellen: Welches sind die großen Steine meines Lebens? Danach legt Ihr sie bewusst zuallererst in Euer Glas (Symbol für das Leben)."


 
(Stephen Covey)

 

 

Enttäuschung

 
Ein junger Fisch schwamm irgendwo im Ozean. Als er auf einen anderen Fisch traf, fragte er ihn: "Entschuldige bitte, Du bist so viel älter und erfahrener als ich, vielleicht kannst Du mir weiterhelfen. Sag mir doch, wo ich die Sache finden kann, die man Ozean nennt? Ich habe bisher überall vergeblich danach gesucht."

"Der Ozean", sagte der ältere Fisch, "ist das, worin Du jetzt gerade schwimmst."

"Das? Aber das ist doch nur Wasser. Ich suche doch den Ozean!" rief der junge Fisch enttäuscht und schwamm davon, um anderswo weiterzusuchen.


 
(aus Mello, Anthony de: Gib deiner Seele Zeit, Herder, 1999. Geschichte leicht überarbeitet)

 

 

Es ist die Aufgabe

eines jeden Menschen,

zu sich selbst zu kommen,

das innerste Wesen seines Ichs

zu entdecken.

 

Wie man dorthin gelangen kann,

und mit welchen Erfahrungen

diese Entdeckung zusammenhängt,

ist und bleibt aber ein Geheimnis.

 

(Edith Stein)

 

 
 

Gib mir Zeit.

 

Gib mir Zeit.

Zeit zu leben.

Zeit , mich mal anders zu sehen.

Zeit, mir selbst zu vertrauen,

nicht immer auf andere zu bauen.

Zeit , mein Leben zu sortieren,

mich neu zu orientieren.

Mich zu akzeptieren,

mich selbst nicht zu ignorieren.

Mein Leben in die Hand zu nehmen,

alles mal anders zu sehen.

Mir zu vertrauen, nicht immer abzuhauen.

Mein Leben zu leben,

ohne nach andere zu sehen.

 

(unbekannt)




Glücklichsein ist nicht der Zweck unseres Lebens, sondern das Ergebnis unserer Lebensweise. Das Glück ist wie unser Schatten, es läuft davon, wenn wir ihm nachjagen, doch wenn wir auf das Licht und die Wahrheit zugehen, folgt es uns.

 (Dario Lostado)

 

 

Handle ohne zu tun

 

Handle ohne zu tun,

arbeite ohne Anstrengung.

Betrachte das Kleine als groß

und das Wenige als Vieles.

Stelle Dich dem Schwierigen,

solange es noch einfach ist.

Vollende die große Aufgabe

durch eine Vielzahl kleiner Taten.

 

Der Weise greift niemals

nach dem Großen;

auf diese Weise erlangt er Größe.

Wenn er Schwierigkeiten begegnet,

hält er inne und widmet sich ihnen.

Er hängt nicht an seiner Bequemlichkeit;

auf diese Weise gibt es für ihn keine Probleme.

 

(Lao-Tse: Tao-Te-King 63 aus: Deuter/von Rohr)

 

 

Ich wünsche Dir Zeit

 

Ich wünsche Dir nicht alle möglichen Gaben.

Ich wünsche Dir nur, was die meisten nicht haben:

Ich wünsche Dir Zeit, Dich zu freu'n und zu lachen.

Und wenn Du sie nutzt, kannst Du etwas draus machen.

Ich wünsche Dir Zeit für Dein Tun  und Dein Denken,

Nicht nur für Dich selbst, sondern auch zum Verschenken.

Ich wünsche Dir Zeit, nicht zum Hasten und Rennen,

Sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche Dir Zeit nicht nur so zum Vertreiben.

Ich wünsche, sie möge dir übrigbleiben,

Als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertrauen,

Anstatt nach der Zeit auf der Uhr zu schauen.

Ich wünsche Dir Zeit, nach den Sternen zu greifen

Und die Zeit zum Wachsen, das heißt um zu Reifen.

Ich wünsche Dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.

Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche Dir Zeit zu Dir selber zu finden.

Jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.

Ich wünsche Dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.

Ich wünsche Dir, Zeit zu haben zum Leben.


 

Interview mit Gott

 

Ich träumte, ich hätte ein Interview mit Gott

„ Du möchtest also ein Gespräch mit mir?" fragte Gott.

„Wenn Du die Zeit hast", sagte ich.

Gott lächelte. „Meine Zeit ist die Ewigkeit" „Welche Fragen würdest Du mir gerne stellen?"

„Was erstaunt Dich am meisten an den Menschen?"

Gott antwortete....

  • „Dass sie der Kindheit überdrüssig werden. Sich beeilen, erwachsen zu werden, um sich dann danach zu sehnen, wieder Kinder sein zu können."
  • „Dass sie um Geld zu verdienen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und dann ihr Geld ausgeben, um wieder gesund zu werden."
  • „Dass sie durch die ängstlichen Blicke in ihre Zukunft das Jetzt vergessen, so dass sie weder in der Gegenwart, noch in der  Zukunft leben."
  • „Dass sie leben, als würden sie niemals sterben, um dann zu sterben, als hätten sie nie gelebt."

Gott nahm meine Hand und wir schwiegen gemeinsam eine Weile

Dann wollte ich wissen... „Was möchtest Du, dass Deine Kinder lernen?"

Gott antwortete mit einem Lächeln.

  • „Dass man niemanden veranlassen kann, jemanden zu lieben, sondern zulassen darf, geliebt zu werden."
  • „Dass es nicht förderlich ist, sich mit anderen zu vergleichen."
  • „Dass eine „reiche" Person nicht jemand ist, der/die das meiste hat, sondern vielleicht das wenigste braucht."
  • „Dass es nur einige Sekunden braucht, einem Menschen tiefe Wunden  zuzufügen, jedoch viele Jahre, diese wieder zu heilen."
  • „Dass Vergebung durch gelebtes Vergeben geschieht."
  • „Dass es Menschen gibt, die sie tief und innig lieben, jedoch nicht wissen, wie sie ihre Gefühle ausdrücken können."
  • „Dass zwei Menschen dasselbe betrachten können und es unterschiedlich sehen."
  • „Dass es manchmal nicht genug ist, Vergebung zu erhalten, sondern sich selbst zu vergeben."
  • „Und dass ich hier bin......immer."

(unbekannt)

 

Jetzt reichts!

 
Nach vielen Jahren eines langen Schlafes wacht Dornröschen eines Tages auf. Doch niemand ist da, um sie zu erlösen.

So schläft sie wieder ein.

Jahre vergehen und Dornröschen wacht wieder auf. Sie schaut nach links und rechts, nach oben und unten, aber wieder ist niemand da - weder ein Prinz noch ein Gärtner, der sie retten will.

Und so schläft sie wieder ein.

Schließlich wacht sie zum dritten Mal auf. Sie öffnet ihre schönen Augen, kann aber abermals niemanden erblicken.

Da sagt sie zu sich selbst: "Jetzt reichts!", steht auf und sie ist erlöst.


 
(Nach Norbert Mayer, gefunden in E. Hatzelmann: Keine Macht dem Stress!)

 

 

Keine Zeit!

 
Ein Mann geht im Wald spazieren. Nach einer Weile sieht er einen Holzfäller, der hastig und sehr angestrengt dabei ist, einen auf dem Boden liegenden Baumstamm zu zerteilen. Er stöhnt und schwitzt und scheint viel Mühe mit seiner Arbeit zu haben.

Der Spaziergänger geht etwas näher heran, um zu sehen, warum die Arbeit für den anderen so schwer ist. Schnell erkennt er den Grund und sagt zu dem Holzfäller: "Guten Tag. Ich sehe, dass Sie sich Ihre Arbeit unnötig schwer machen. Ihre Säge ist ja ganz stumpf - warum schärfen Sie sie denn nicht?"

Der Holzfäller schaut nicht einmal hoch, sondern zischt durch die Zähne "Dazu habe ich keine Zeit, ich muss doch sägen!"


 
(gefunden in: Die sieben Wege der Effektivität von Stephen Covey)

 

 

Lauf des Baches

 

- ich lausche Deinem Plätschern und Rauschen -

                         wo fließt, wo brodelt es in mir,

                         wo ist Ruhe, wo Gestautes?

 

Sonne, Feuer und Licht

- ich spüre Dich wärmend auf meiner Haut -

                         wo ist meine Glut, mein Feuer,

                         wo mein Licht, wo Dunkelheit?

 

Erde, lebensspendend und fruchtbar

- mit meinen Füßen und Händen ertaste ich Dich -

                         wie geerdet bin ich,

                         wie nehme ich meine

                         Fruchtbarkeit wahr?

 

Luft um mich, Atem in mir

                         Wie ist mein Austausch,

                         Geben und Nehmen,

                         Wie weit mein Innenraum?

 

(aus dem Katalog "Neue Wege", Ganzheitlich Reisen, Ferienkurse 93)

 

 

LEBEN

 

ist nicht ein Frommsein,

sondern ein Frommwerden,

nicht eine Gesundheit,

sondern en Gesundwerden,

nicht ein Sein,

sondern ein Werden,

nicht eine Ruhe,

sondern eine Übung.

Wir sind`s noch nicht,

wir werden`s aber.

Es ist noch nicht getan

oder geschehen,

es ist aber im Gang

und im Schwang.

Es ist nicht das Ende,

es ist aber der Weg.

Es glüht und glänzt

noch nicht alles,

es reinigt sich aber alles.

 

Wenn es wahr ist,

dass ich von neuem

geboren werden muss,

wie Christus sagt,

so kann ich nichts dazu tun,

sondern muss leiden und stillehalten,

dass er mich schaffe,

der mein Vater und Schöpfer ist.

 

(Verfasser unbekannt)

 

 

Lerneffekt

 
Erster Tag:

Ich gehe eine Straße entlang, am Gehsteig. Plötzlich tut sich vor mir ein Loch im Boden auf. Ich stürze hinein. Ich bin verloren. Ich weiß, ich muss sterben. Kläglich rufe ich um Hilfe. Dann, nach endlos langer Zeit, kommt mir jemand zu Hilfe, hilft mir heraus aus dem Loch.

Zweiter Tag:

Ich gehe die gleiche Straße entlang, am gleichen Gehsteig. Vor mir tut sich unerwartet wieder das Loch im Boden auf. Ich stürze hinein. Ich habe Angst. Aber ich rapple mich auf, und ich erkenne, dass es eine Möglichkeit gibt, wie ich mich selbst befreien kann. Das ist mühsam, aber es gelingt mir schließlich doch.

Dritter Tag:

Ich gehe die gleiche Straße entlang, am gleichen Gehsteig, und da ist wieder das gleiche Loch. Ich falle wieder hinein - aus reiner Gewohnheit. Ich ärgere mich über mich selbst, klettere auf dem mir nun schon bekannten Weg heraus und gehe weiter.

Vierter Tag:

Ich gehe wieder die gleiche Straße entlang, am gleichen Gehsteig, sehe das Loch vor mir - und wechsle die Straßenseite.

Fünfter Tag:

Ich nehme eine andere Straße.

 

Eine andere Version dieser Geschichte:

 

 

Reflexion und Wandel

 

Ich gehe die Straße entlang,

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.

Ich falle hinein.

Ich bin verloren... Ich bin ohne Hoffnung.

Es ist meine Schuld.

Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

 

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.

Ich sehe es.

Ich falle immer noch hinein...

aus Gewohnheit.

Meine Augen sind offen. Ich weiß wo ich bin.

Es ist meine eigene Schuld.

Ich komme sofort heraus.

 

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.

Ich gehe darum herum.

 

Ich gehe eine andere Straße.

 

(Nossrat Peseschkian)

 

 

Nasrudins Verwirrung

 
Nasrudin kam auf seiner Reise einmal nach Bagdad. Was war das für eine große Stadt. Noch nie zuvor hatte er so viele Menschen gesehen. Das Gedränge und die Menschenströme verunsicherten ihn sehr.

Er dachte: "Ich frage mich, wie es die Menschen in einer Stadt wie dieser eigentlich schaffen, sich selbst im Auge zu behalten und wie sie trotzdem wissen, wer sie sind." Dann sagte er zu sich: "Ich muss mir genau merken, wer ich bin, denn sonst verliere ich mich vielleicht."

Am Abend suchte er sich ein Quartier für die Nacht. Neben ihm lagerte ein Schalk. Als Nasrudin sich nun schlafenlegen wollte, bekam er Angst, sich nach dem Aufwachen nicht mehr wiederzufinden. Das erzählte er dem Schalk, der neben ihm auch noch wach war.

Der Spaßmacher riet ihm folgendes: "Kein Problem mein Freund. Nimm diese Blase hier und puste sie zu einem Ballon auf. Binde sie an dein Bein und geh ruhig schlafen. Wenn du aufwachst, suche einfach nach dem Mann mit dem Ballon - das bist dann du!"

"Eine wunderbare Idee" sagte Nasrudin.

Nach einigen Stunden wachte er auf. Er suchte nach der Blase und sah, dass sie am Bein des Narren befestigt war. "Ja, das bin ich" dachte er. Dann aber packte ihn plötzlich die Furcht und er schüttelte den anderen Mann: "Wach auf! dein Vorschlag war nicht gut. Es ist genau das passiert, was ich befürchtet hatte."

Der Schalk erwachte und fragte Nasrudin, was denn los sei. Nasrudin zeigte auf den Ballon: "Anhand der Blase kann ich feststellen, dass du ich bist. Aber wenn du ich bist - wer bei der Liebe des Allmächtigen bin ich?"


 
(gefunden in: Ornstein, Robert: Multimind, Junfermann,1992, Geschichte überarbeitet)

 

Nimm dir Zeit


Nimm dir Zeit um zu lernen und zu arbeiten,
es ist der Preis des Erfolges. 

Nimm dir Zeit um nachzudenken,
es ist die Quelle der Kraft.

Nimm dir Zeit um zu spielen,
es ist das Geheimnis der Jugend.

Nimm dir Zeit um zu lesen,
es ist die Grundlage des Wissens.

Nimm dir Zeit um freundlich zu sein,
es ist das Tor zum Glücklichsein. 

Nimm dir Zeit zum Träumen,
es ist der Weg zu den Sternen. 

Nimm dir Zeit um zu lieben,
es ist die wahre Lebensfreude. 

Nimm dir Zeit um froh zu sein,
es ist die Musik der Seele.
 


(aus Irland)

 

So anstrengend!

 
Ein Schüler kam zum Meister.

"Ach Herr", stöhnte er, "um Euren Lehren zu folgen, ist so viel Veränderung nötig. Das ist mir eigentlich alles viel zu anstrengend. Ich glaube, ich werde das Studium hier beenden."

Da schaute der Alte mit einem traurigen Blick auf seinen Schüler. "Kennst du die Geschichte von der Raupe?" fragte er. Der Schüler verneinte.

"Es war einmal eine Raupe, die das Gefühl hatte, dass die Metamorphose zum Schmetterling zu anstrengend sei. Also beschloss sie, Raupe zu bleiben. Und während sie mühsam und langsam durchs Leben kroch, schaute sie immer mal wieder hinauf zu all den Schmetterlingen, die im Sommerwind von Blume zu Blume tanzten..." erzählte der Meister die Geschichte.

"Und nun überleg wohl, ob der scheinbar einfachere Weg auch tatsächlich der einfachere ist."

 

(Tania Konnerth aus: Leben kann so einfach sein)

 

 

Suchen - Finden

 
Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass sein Geist nur noch das Ding sieht, das er sucht - dass er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er immer nur an das gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.      

Suchen heißt: ein Ziel haben.

Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.


 
(aus: Hermann Hesse: Siddharta)

 


Tanze
als sähe dir niemand zu.

Liebe
als seiest du nie verletzt worden

Singe
als könne dich niemand hören

Lebe
als sei Himmel auf Erden

 


Über die Tradition

 
Das junge Paar war frisch verheiratet. Eines Tages beschloss die junge Frau, eine Lammkeule zu schmoren. Bevor sie das Ganze in den Ofen schob, schnitt sie von der Keule das untere Stück ab und legte dann die zwei Teile nebeneinander in den Schmortopf. Ihr Mann schaute ihr über die Schulter und fragte sie: "Warum machst du das?" "Ich weiß nicht, aber meine Mutter machte das immer genau so." war die Antwort.

Daraufhin fragte der Mann seine Schwiegermutter, warum sie das untere Stück der Keule abschnitt. "Ich weiß nicht, aber meine Mutter machte das immer genau so." antwortete die Schwiegermutter.

Die Großmutter war noch am Leben und so ging der Mann zu ihr und fragte auch sie, warum sie den unteren Teil der Lammkeule vor dem Schmoren abschnitt. Und die Großmutter antwortet: "Ach, das hat einen ganz einfachen Grund: Mein Schmortopf war damals so klein, dass der ganze Braten einfach nicht hineinpasste."


 
(aus Nancy Friday "Wie meine Mutter", leicht geändert)

 

 

Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind. Unsere tiefgreifendste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht. Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen? Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. Es ist nichts Erleuchtetes daran, sich so klein zu machen, dass andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen. Wir sind alle bestimmt, zu leuchten, wie es Kinder tun. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen. Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

 (Nelson Mandela)


 

 

Vom kleinen Tiger

 
Es war einmal ein kleiner Tiger. Seine Mutter war gleich nach seiner Geburt gestorben und es hatte sich eine Herde von Schafe seiner angenommen, die in der Nähe weidete. Die Schafe nahmen den Tiger als einen der ihren auf.

So wurde aus dem kleinen Tiger bald ein großer und stattlicher Tiger. Aber er benahm sich wie ein Schaf. Er fraß Gras, blökte wie ein Schaf und suchte den Schutz der Herde. Obwohl tief in ihm die Kraft eines Tigers schlummerte, glaubte er fest daran, ein Schaf zu sein.

Nun schlich sich eines Tages ein alter Tiger an die Schafherde heran, um eines von ihnen zu reißen. Als er den jungen Tiger inmitten all der Schafe grasen sah, wollte er seinen Augen kaum glauben. Er jagte zu ihm hin, packte ihn am Nackenfell und schleppte ihn zu einer Wasserstelle. Der junge Tiger roch wie ein Schaf und wehrte sich ängstlich gegen die Behauptung des alten Tigers, er sei kein Schaf, sondern eine Raubkatze.

Der alte Tiger bestand darauf, dass der junge Tiger sich sein Spiegelbild im Wasser anschaute. Und da stellte er fest, dass er wirklich kein Schaf war, sondern ein Tiger!

In diesem Moment brach ein gewaltiges Brüllen tief aus seinem Inneren hervor und er erkannte seine wahre Natur.


 
(gefunden in: Ulrike Dahm und Erich Keller: Sei dein bester Freund, leicht geändert)

 

 

Vom Leben und vom Tod

 
Vielleicht ist die folgende Frage eine der wichtigsten überhaupt: Wie sollen wir im Angesicht des Todes leben? Ein großer Zen-Meister erzählt dazu folgendes Gleichnis:

Ein Mann war auf der Wanderung durch den dichten Dschungel. Plötzlich sprang ein Tiger aus dem Gebüsch.

Der Mann rannte davon, doch das wilde Tier folgte ihm. Der Mann rannte und rannte. Er kam an eine Klippe. Dort ergriff er in seiner Verzweiflung eine wilde Weinrebe und sprang über den Rand.

Nun hing er an der Weinrebe, voller Angst. Unter ihm konnte er auch noch einen zweiten Tiger entdecken, der nach oben zu ihm hinauffauchte und nur darauf wartete, ihn fressen zu können. Über ihm stand der andere Tiger und starrte ihn aus gelben Augen grimmig an. Die Weinrebe gab ein Stückchen nach und der Mann konnte sehen, dass sie kurz davor war, zu reißen.

Dann fiel sein Blick auf eine saftige Weintraube gleich vor seiner Nase. Während er sich mit der einen Hand weiter festhielt, pflückte er sich eine Traube und steckte sie in den Mund.

Wie köstlich sie schmeckte!


 
(Zen-Geschichte, gefunden in: Gelassenwerden. - Herder, 1996, leicht überarbeitet)

 

 

Vom Weg des Irrens

 

Ich finde nicht Anfang nicht Ende

in meinem Sinn.

Buddha-Wesen wird uns nicht in die Wiege gelegt.

Dass wir als Buddha geboren würden, gibt ein falsches Bild.

Von Anbeginn allen Lebenden gemeinsam ist der Weg des Irrens.

 

(Ikkyü)

 

 

Vom Wert der Dinge und der Menschen

 
Im Rahmen eines Seminars mit sehr vielen Teilnehmern hielt der Trainer einen 50-EUR-Schein in die Luft.

Er fragte: "Wer von Ihnen möchte diesen 50-EUR-Schein haben?"

Überall gingen Hände hoch.

"Ok, einen kleinen Moment" sagte er und zerknüllte den 50-EUR-Schein. "Wer möchte diesen nun zerknüllten 50-EUR-Schein haben?"

Wieder gingen die Hände in die Luft.

"Ok, warten Sie", sagte er und warf den zerknüllten 50-EUR-Schein auf den Boden und trat mit seinen Schuhen darauf herum, bis der Schein zerknittert und voller Schmutz war. Er hob ihn an einer Ecke auf und hielt ihn wieder in die Luft. "Und wer von Ihnen möchte diesen dreckigen, zerknitterten 50-EUR-Schein immer noch haben?"

Und erneut waren die Hände in der Luft.

"Sehen Sie, Sie haben gerade eine sehr wertvolle Lektion erfahren. Was immer ich auch mit dem Geldschein machte, wie schmutzig und zerknittert er auch ist, es hat nichts an seinem Wert geändert. Es sind immer noch 50,- EUR. So oft in unserem Leben werden wir selbst fallen gelassen, sind am Boden zerstört und kriechen vielleicht im Schmutz - und fühlen uns wertlos. Aber all das ändert ebenso wenig etwas an unserem Wert, wie das was ich mit diesem Schein tat, seinen Wert änderte. Der Wert von jedem einzelnen uns bleibt immer erhalten, wie schmutzig, arm oder verloren wir auch immer sein werden."


 
(Verfasser unbekannt)


 

Von der Selbsterkenntnis

 
Euer Herz weiß im stillen um die Geheimnisse der Tage und Nächte.

Doch euer Ohr dürstet nach dem Laut des Wissens in euch.

Ihr möchtet in Worten wissen, was eure Seele stets gewusst.

Ihr möchtet mit Händen rühren an den nackten Leib eurer Träume.

Und dem ist gut so.

Die verborgene Quelle muss unbedingt aus eurer Seele entspringen und murmelnd dem Meere zufließen;

Denn der Schatz in eurem tiefsten Innern möchte eurem Auge sichtbar werden.

Doch wieget nicht euren unbekannten Schatz auf einer Waage;

Und erforschet nicht die Tiefe eures Wissens mit dem Messstock oder der Lotschnur.

Denn das Ich ist ein Meer ohne Maß und Grenzen.

Saget nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“, - sagt lieber: „Ich habe die Seele getroffen, auf meinem Pfade wandelnd“.

Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden.

Die Seele wandelt nicht auf einer Bahn, noch wächst sie wie ein Schilfrohr.

Die Seele entfaltet sich gleich einer Lotusblume, aus Blütenblättern ohne Zahl.

 

(Aus: Khalil Gibran: „Der Prophet“)


 

Warum?

 
Einmal wurde ein Meister von seinen Schülern sehr stark verehrt. Sie sahen in ihm eine Art inkarnierter Gottheit und beteten ihn an.

Einer der Schüler wagte eines Tages dem Meister eine Frage zu stellen: "Sag mir bitte, oh Meister, warum kamst Du in diese Welt?"

Der Meister blickte seinen Schüler an und sagte: "Um Narren wie Dich zu lehren, ihre Zeit nicht mit der Anbetung von Meistern zu verschwenden."

 (aus Mello, Anthony de: Eine Minute Unsinn, Herder, 1998. Geschichte leicht überarbeitet)

 

 

Warum ist alles um uns herum so kalt?

 

Warum ist alles um uns herum so kalt?

Warum werden soviele unglücklich alt?

Warum haben die Menschen verlernt, Liebe zu geben?

Warum haben soviele Angst vor dem Leben?

Warum fühlt man sich in Menschenmengen allein?

Warum will man wie Andere sein?

Warum geht Egoismus in die falsche Richtung?

Warum halten wir Geld, Erfolg und Karriere für ach so wichtig?

 

Warum verlieren wir so schnell den Mut?

Warum sind wir oft zu uns selber nicht gut?

Warum haben wir Angst in den Spiegel zu sehn?

Warum können wir uns oft selbst nicht verstehn?

Warum geben wir unseren Sorgen soviel Macht?

Warum wissen wir nicht mehr, wie man richtig lacht?

Warum suchen wir in allem einen Sinn?

Warum weiß ich oft selbst nicht, wer ich bin?

 

Endlich an sich selber glauben,

glücklich sein dem ICH erlauben!

Zukunft sehen, Freude spüren,

wenn Gefühle uns berühren.

Endlich Herzen fliegen lassen

und das Leben nicht verpassen.

Endlich der Seele Nahrung geben...

ja... und endlich Träume leben!

 

(Heidi F.D)


 

Was ist das Leben?

 
Ein Mann kam zum Meister.

"Herr, ich brauche Deinen Rat. Ich bin ein reicher Mann, aber alle wollen mir nur Böses. Das Leben ist ein Kampf."

"Höre auf zu kämpfen." lautete die Antwort des Alten.

Der Mann konnte mit dieser Antwort nichts anfangen. Er war wütend und stapfte davon. In den folgenden Monaten kämpfte er mit jedem, der sich ihm näherte und machte sich viele Feinde. Vollkommen erschöpft kam er nach einem Jahr wieder.

"Ach Herr, ich mag nicht mehr kämpfen. Das Leben wiegt so schwer - es ist eine Last." "Erleichtere dich von dem Gewicht." lautete die Antwort.

Der Mann war wieder verärgert angesichts dieser Antwort, die er nicht verstand und ging. In dem folgenden Jahr verlor er alles Hab und Gut. Seine Frau verließ ihn und nahm die Kinder mit. Vollkommen mittellos kam er zum Meister.

"Herr, das Leben ist keine Last mehr, denn ich habe alles verloren. Das Leben ist ein Elend."

"Höre auf zu leiden."

Diesmal war der Mann nur traurig über die Antwort, die ihm nicht weiterhalf. Er ging nicht weit, sondern blieb am Fuße des Berges sitzen, auf dem der Meister wohnte. Er weinte und weinte - tagelang, wochenlang, monatelang.

Nachdem keine einzige Träne mehr in ihm war, hob er den Blick. Es war ein früher Morgen und die Sonne ging gerade auf. Er stand auf und ging zum Meister.

Diesmal fragte er den Alten "Herr, was ist das Leben?"

Der Meister lächelte liebevoll und sagte zu ihm: "Eine aufgehende Sonne an einem neuen Tag."


 
(Tania Konnerth aus: Leben kann so einfach sein)

 

 

Wer bist Du?

 
Eine Frau lag im Koma.

Plötzlich schien es ihr, als sei sie schon tot, wäre im Himmel und stände nun vor einem Richterstuhl.

"Wer bist du?" fragte eine Stimme.

"Ich bin die Frau des Bürgermeisters" antwortete die Frau.

"Ich habe nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern, wer du bist."

"Ich bin die Mutter von vier Kindern." war nun ihre Antwort.

"Ich habe nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist."

"Ich bin Lehrerin."

"Ich habe auch nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist."

"Ich bin Christin."

"Ich habe nicht nach deiner Religion gefragt, sondern wer du bist."

Und so ging es immer weiter. Alles, was die Frau erwiderte, schien keine befriedigende Antwort auf die Frage "Wer bist du?" zu sein.

Irgendwann erwachte die Frau aus ihrem Koma und wurde wieder gesund. Sie beschloss nun herauszufinden, wer sie war.

Und darin lag der ganze Unterschied.


 
(nach Anthony de Mello, gefunden in: Gelassenwerden. - Herder, 1996)

 

 

Wer zu viel philosophiert...


Ein Besucher wollte Schüler in einem Kloster werden. Zuvor wollte er aber mit dem Meister sprechen.

"Meister, könnt Ihr mich lehren, was das Ziel eines Menschenlebens ist?"

"Das kann ich nicht."

"Oder wenigstens seinen Sinn?"

"Das kann ich nicht."

"Könnt Ihr mir das Wesen des Todes erklären und eines Lebens jenseits des Grabes?"

"Das kann ich nicht."

Wütend ging der Besucher davon. Die Schüler waren enttäuscht darüber, dass ihr Meister eine so schlechte Figur gemacht hatte.

Da sagte der Meister tröstend zu ihnen: "Was nützt es, die Essenz des Lebens zu verstehen und seinen Sinn zu begreifen, wenn Ihr es nie gekostet habt? Mir ist es lieber, Ihr esst Euren Pudding, als dass Ihr darüber spekuliert."


 
(aus: Mello, Anthony de: Eine Minute Weisheit, Herder, 1986 - Geschichte leicht überarbeitet)

 

 

Wie lange?

 
Ein junger Mann kam zu einem Meister und fragte: "Wie lange werde ich brauchen, um Erleuchtung zu erlangen?"

Der Meister schaute kurz auf und antwortete: "Zehn Jahre."

Der junge Mann reagierte erschrocken. "Was, so lange?" fragte er.

Der Meister sah noch einmal auf und erwiderte "Nein, ich habe mich geirrt. Ich denke, du wirst 20 Jahre brauchen."

"Aber Herr, warum habt Ihr die Zeit nun verdoppelt?"

Die Antwort kam prompt: "Wenn ich es mir recht überlege - in deinem Fall wird es wohl 30 Jahre dauern."


 
(Anthony de Mello aus: Gib deiner Seele Zeit. Leicht geändert)

 

 

Wie viel wiegt das Leben?

 
Ein Schüler kam zu einem weisen alten Mann.

"Herr" sprach er mit schleppender Stimme "das Leben liegt wie eine Last auf meinen Schultern. Es drückt mich zu Boden und ich habe das Gefühl, unter dem Gewicht zusammenzubrechen."

"Mein Sohn" sagte der Alte mit einem liebevollen Lächeln "das Leben ist leicht wie einer Feder."

"Herr, bei aller Demut, aber hier musst du irren. Denn ich spüre mein Leben wie eine Last von tausend Pfunden auf mir. Sag, was kann ich tun?"

"Wir sind es selbst, die uns Last auf unsere Schultern laden." sagte der Alte, immer noch milde lächelnd.

"Aber..." wollte der Junge einwenden.

Der alte Mann hob die Hand: "Dieses "Aber", mein Sohn, wiegt allein tausend Pfund."


 
(Tania Konnerth aus: Leben kann so einfach sein)

 

 

Wir müssen wieder lernen, wir selbst zu sein

 

Wir müssen wieder lernen,

wir selbst zu sein

und die Vielfalt in uns zu fühlen und zu entdecken...

Ich habe viele Pflanzen aufmerksam betrachtet.

Von den Blättern einer Pflanze,

die alle auf demselben Stängel wachsen,

ist keines ganz wie das andere...

Der Große Geist hat es so gewollt.

Für alle Geschöpfe auf der Erde

hat er den Lebenspfad bloß im Großen vorgezeichnet.

Er zeigt ihnen die Richtung und das Ziel,

lässt sie aber ihren eigenen Weg dorthin finden.

Er will, dass sie selbständig handeln,

ihrem Wesen gemäß

und ihren inneren Kräften gehorchend.

 

(Lame Deer, Sioux)

 

 

Zwei Samen

 
Es steckten einmal zwei Samen nebeneinander im Boden.

Der erste Samen sprach: "Ich will wachsen! Ich will meine Wurzeln tief in die Erde senden und ich will als kleines Pflänzchen die Erdkruste durchbrechen, um dann kräftig zu wachsen. Ich will meine Blätter entfalten und mit ihnen die Ankunft des Frühlings feiern. Ich will die Sonne spüren, mich von Wind hin- und herwehen lassen und den Morgentau auf mir spüren. Ich will wachsen!"

Und so wuchs der Samen zu einer kräftigen Pflanze.

Der zweite Samen sprach: "Ich fürchte mich. Wenn ich meine Wurzeln in den Boden sende, weiß ich nicht, was mich dort in der Tiefe erwartet. Ich befürchte, dass es mir wehtut oder dass mein Stamm Schaden nehmen könnte, wenn ich versuche, die Erdkruste zu durchbrechen. Ich weiß auch nicht, was dort oben über der Erde auf mich lauert. Es kann so viel geschehen, wenn ich wachse. Nein, ich bleibe lieber hier in Sicherheit und warte, bis es sicherer ist."

Und so verblieb der Samen in der Erde und wartete.

Eines Morgens kam eine Henne vorbei. Sie scharrte mit ihren scharfen Krallen nach etwas Essbaren im Boden. Nach einer Weile fand sie den wartenden Samen im Boden und fraß ihn auf.


 
(gefunden in: "Chicken Soup for the Soul", 1993; frei übersetzt, dt: Hühnersuppe für die Seele)

 

 

Zwei Wölfe (1)

 
Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.

Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: "Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend."

"Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?" fragte der Junge.

"Der Wolf, den ich füttere." antwortete der Alte.


 
(Quelle unbekannt, aus dem Englischen übersetzt)

 

 

Zwei Wölfe (2)

 
Ein Junge, wütend auf seinen Freund, der ihm unrecht getan hatte, kam zu seinem Großvater. Der Großvater sprach zu ihm:

„Ich will dir eine Geschichte erzählen: Auch ich war wutentbrannt auf die, die mich verletzt hatten und ihre Taten nicht bereuten. Doch die Wut legt sich und sie tut deinem Feind nicht weh. Es ist, wie wenn du Gift schlucken und hoffen würdest, dass dein Feind daran stirbt.

Ich habe oft mit diesen Gefühlen gekämpft. Es ist, als ob ich zwei Wölfe in mir hätte. Einer ist gut und harmlos. Er lebt in Harmonie mit allem um ihn herum. Er ist nicht beleidigt, wenn keine Beleidigung beabsichtigt war. Er kämpft nur, wenn er das Recht hat zu kämpfen, und dann kämpft er ritterlich.

Doch der andere Wolf ist voller Wut. Der kleinste Anlass genügt für einen Wutanfall. Er kämpft gegen alle, jeder Zeit und ohne Grund. Er kann nicht denken, weil er so wütend ist. Seine Wut ist hilflos, denn sie wird nichts verändern.

Manchmal ist es schwierig, mit diesen zwei Wölfen in mir zu leben, denn beide versuchen, meinen Geist zu beherrschen.“

Der Junge blickte in die Augen seines Großvaters und fragte:

„Welcher gewinnt, Großvater?“

Der Großvater lächelte sanft und sagte:

„Der, den ich füttere.“




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