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Texte zum Thema "Hier und Jetzt"


Achtsamkeit

 
Einmal kam ein Mann zum Meister. Er bat ihn darum, ihm einige Weisheiten aufs Papier zu schreiben, damit er sie mitnehmen und immer wieder darauf schauen könnte.

Der Meister nahm einen Pinsel zur Hand und schrieb nur ein einziges Wort auf: "Achtsamkeit".

Der Mann schaute enttäuscht.

"Das kann doch nicht alles sein, oder? Bitte schreib noch etwas dazu."

Wieder griff der Meister zum Pinsel und schrieb "Achtsamkeit. Achtsamkeit."

"Vergebt mir, aber das scheint mir weder sehr weise noch tiefsinnig zu sein." sagte der Mann.

Daraufhin schrieb der Meister: "Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit".

Der Mann fühlte sich vom Meister veralbert und wurde wütend.

"Was soll den Achtsamkeit überhaupt bedeuten?" rief er.

Da sagte der Meister: "Achtsamkeit heißt Achtsamkeit."

 

 

 

Angst vor dem Ertrinken

 
Der Meister hatte mit seinen jungen Schülern einen Ausflug gemacht.

Zur Rast setzen sie sich an das Ufer eines Flusses, das steil hinab ging.

Einer der Schüler fragte: "Sag Herr, wenn ich nun abrutschen würde und in den Fluss falle, müsste ich dann ertrinken?"

"Nein" antwortete der Meister "Du ertrinkst nicht, wenn du in den Fluss fällst - du ertrinkst nur dann, wenn du drin bleibst."


 
(aus Mello, Anthony: Gib deiner Seele Zeit, Geschichte überarbeitet und leicht geändert)

 

 

Auf der Durchreise

 
Ein junger Mann reiste durch Polen und besuchte einen Rabbi, der für seine große Weisheit berühmt war.

Dieser Rabbi lebte in einer bescheidenen Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand. Außer vielen Büchern, einem Tisch und einer Bank besaß er keine weiteren Möbel.

Der junge Mann fragte: "Sag Rabbi, wo sind deine Möbel?"

"Wo sind denn deine?" fragte der Rabbi zurück.

"Meine?" fragte der junge Mann überrascht. "Aber, ich bin doch nur auf der Durchreise!"

"Ich auch", antwortete der Rabbi "ich auch."

 
(aus: Dan Millman: Die universellen Lebensgesetze des friedvollen Kriegers, leicht geändert)

 

 

Aus dem Brief einer älteren Dame

 
"Könnte ich mein Leben nochmals leben, dann würde ich das nächste Mal riskieren, mehr Fehler zu machen. Ich würde mich entspannen, lockerer und humorvoller sein als dieses Mal. Ich kenne nur sehr wenige Dinge, die ich ernst nehmen würde.

Ich würde mehr verreisen. Und ein bisschen verrückter sein. Ich würde mehr Berge erklimmen, mehr Flüsse durchschwimmen und mir mehr Sonnenuntergänge anschauen. Ich würde mehr spazieren gehen und mir alles besser anschauen. Ich würde öfter ein Eis essen und weniger Bohnen.

Ich hätte mehr echte Schwierigkeiten als eingebildete. Müsste ich es noch einmal machen, ich würde einfach versuchen, immer nur einen Augenblick nach dem anderen zu leben, anstatt jeden Tage schon viele Jahre im Voraus.

Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, würde ich viel herumkommen, viele Dinge tun und mit sehr wenig Gepäck reisen. Könnte ich mein Leben nochmals leben, würde ich im Frühjahr früher und im Herbst länger barfuß gehen. Und ich würde öfter die Schule schwänzen.

Ich würde mir nicht so hohe Stellungen erarbeiten, es sei denn ich käme zufällig daran. Auf dem Rummelplatz würde ich viel mehr Fahrten machen, und ich würde mehr Gänseblümchen pflücken."


 
(Nadine Stair, leicht gekürzt und überarbeitet; gefunden in: Das Robbins Power Prinzip von Anthony Robbins, S. 533)

 

 

Beim Arzt

 
Im Sprechzimmer des Arztes saßen dicht gedrängt Menschen und warteten.

Ein älterer Herr stand nach einer Weile auf und ging zur Sprechstundenhilfe. "Entschuldigung." sagte er freundlich. "Ich hatte einen Termin um 10.00 Uhr. Jetzt ist es fast 11.00 Uhr. Ich möchte nicht länger warten. Bitte geben Sie mir einen neuen Termin."

Im Sprechzimmer wurde getuschelt. Eine Frau sagte zu einer anderen: "Der ist doch bestimmt schon 80 - was kann der wohl so Dringendes vorhaben, dass er nicht warten kann?"

Der Mann hörte die Bemerkung und drehte sich um. Er verbeugte sich vor der Dame und sagte: "Ich bin siebenundachtzig Jahre alt. Und genau deswegen kann ich es mir nicht leisten, auch nur eine Minute der kostbaren Zeit zu vergeuden, die mir noch bleibt."


 
(aus: Gib Deiner Seele Zeit von Anthony de Mello; leicht geändert)

 

 

Das Geheimnis der Zufriedenheit


Es kamen einmal ein paar Suchende zu einem alten Zen-Meister. „Herr“, fragten sie „was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du.“

Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: „Bitte treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?“

Es kam die gleiche Antwort: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend fügte der Meister nach einer Weile hinzu: „Sicher liegt auch ihr und ihr geht auch und ihr esst. Aber während ihr liegt, denkt ihr schon ans Aufstehen. Während ihr aufsteht, überlegt ihr wohin ihr geht und während ihr geht, fragt ihr euch, was ihr essen werdet. So sind eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen  Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.“


 
(Quelle unbekannt)

 

 

Den Mond schenken...

 
Eines Nachts brach ein Dieb in die bescheidene Hütte des Zen-Meisters Ryokan Daigu ein, die hoch oben in den Bergen lag. Er durchwühlte die Wohnstätte des Meisters, konnte aber nichts finden, das es sich mitzunehmen lohnte.

Als Meister Ryokan von seiner nächtlichen Wanderung zurück und zur Tür hineinkam und den Einbrecher überraschte, sah er das enttäuschte Gesicht des Diebes. Darauf sagte er: "Der Weg hier hinauf zu mir war lang und beschwerlich. Ich will dich nicht mit leeren Händen gehen lassen. Deshalb schenke ich dir meine Kleider."

Der Dieb war verblüfft, ergriff aber hektisch die Kleider des Meisters und rannte Hals über Kopf davon.

Ryokan setzte sich nackt vor seine Hütte und schaute in den sternklaren Himmel hinauf. "Der arme Mensch. Ich bedauere, dass ich ihm diesen wunderschönen Mond nicht schenken kann."

 
(aus "Was ist die ewige Wahrheit?" von Marco Aldinger, Herder, 1998 Geschichte leicht überarbeitet)

 

 

Den Weg machst Du beim Gehen

 

Wanderer, deine Fußstapfen

sind der Weg und nichts sonst.

Wanderer, einen Weg gibt es nicht,

den Weg machst du beim Gehen.

Beim Gehen machst du den Weg,

und blickst du zurück,

so siehst du den Pfad,

den du nie mehr wieder

betreten musst.

Wanderer, einen Weg gibt es nicht,

nur Wirbel im Wasser des Meeres.

 

(Antonio Machado Y Ruiz)

 

 

Der Einheimische und der Tourist

 
Es war einmal in einem kleinen Fischerdorf irgendwo in Italien. Ein Tourist kam vorbei und sah einen Mann, der seelenruhig am Hafenkai saß und aufs Meer blickte.

Der Tourist ging zu dem Mann und sagte: "Entschuldigung, ich möchte Sie etwas fragen: Warum arbeiten Sie eigentlich nicht? Sie könnten sich z.B. ein Fischerboot kaufen und hinaus aufs Meer fahren."

"Aber, warum soll ich denn arbeiten?" fragte der Mann. "Ich habe alles, was ich brauche - genug zu leben und zufrieden bin ich auch."

"Aber wenn Sie arbeiten würden, können Sie viel Geld verdienen, das Geld sparen und es zinsbringend anlegen!" sagte der Tourist.

"Warum," fragte der Mann, " soll ich Geld verdienen und sparen?"

"Wenn Sie gut verdienen, können Sie von den Zinsen leben und dann brauchen nicht mehr zu arbeiten!"

Der Mann schaute den Tourist an und schüttelte langsam den Kopf. Dann ging sein Blick wieder hinauf auf das Meer.


 
(nacherzählt nach Heinrich Böll: "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral")

 

 

Der entspannte Bogen

 
Es heißt, dass der alte Apostel Johannes gern mit seinem zahmen Rebhuhn spielte.

Nun kam eines Tages ein Jäger zu ihm. Verwundert sah er, dass ein so angesehener Mann wie Johannes einfach spielte. Konnte der Apostel seine Zeit nicht mit viel Wichtigerem als mit einem Rebhuhn verbringen?

So frage er Johannes: "Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?"

Verwundert blickte Johannes auf. Er konnte gar nicht verstehen, warum er nicht mit dem Rebhuhn spielen sollte.

Und so sprach er: "Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?"

Der Jäger antwortete: "Das darf nicht sein. Ein Bogen verliert seine Spannkraft, wenn er immer gespannt wäre. Er hätte dann, wenn ich einen Pfeil abschießen wollte, keine Kraft mehr. Und so würde ich natürlich das anvisierte Ziel nicht treffen können."

Johannes sagte daraufhin: "Siehst du, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so müssen wir alle uns immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspannen würde, indem ich z.B. einfach ein wenig mit diesem - scheinbar so nutzlosen - Tier spiele, dann hätte ich bald keine Kraft mehr, all das zu tun, was notwendig ist. Nur so kann ich meine Ziele erreichen und das tun, was wirklich wichtig ist."


 
Quelle: “Die Wow-Präsentation“ von Wolf W. Lasko und Iris Seim, Geschichte leicht geändert

 

 

Der Indianer und die Grille

 
Ein Indianer, der in einem Reservat weit von der nächsten Stadt entfernt wohnte, besuchte das erste Mal seinen weißen Bruder in der Großstadt.

Er war sehr verwirrt vom vielen Lärm, von der Hektik und vom Gestank in den Straßenschluchten. Als sie nun durch die Einkaufsstraße mit den großen Schaufenstern spazierten, blieb der Indianer plötzlich stehen und horchte auf.

"Was hast du", fragte ihn sein Freund. "Ich höre irgendwo eine Grille zirpen", antwortete der Indianer. "Das ist unmöglich", lachte der Weiße. "Erstens gibt es hier in der Stadt keine Grillen und zweitens würde ihr Geräusch in diesem Lärm untergehen."

Der Indianer ließ sich jedoch nicht beirren und folgte dem Zirpen. Sie kamen zu einem älteren Haus dessen Wand ganz mit Efeu überwachsen war. Der Indianer teilte die Blätter und tatsächlich: Da saß eine große Grille.

"Ihr Indianer habt eben einfach ein viel besseres Gehör", sagte der Weiße im weitergehen. "Unsinn", erwiderte sein Freund vom Land. "Ich werde Dir das Gegenteil beweisen". Er nahm eine kleine Münze aus seiner Tasche und warf sie auf den Boden. Ein leises "Pling" ließ sich vernehmen. Selbst einige Passanten, die mehr als zehn Meter entfernt standen, drehten sich augenblicklich um und schauten in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten.

"Siehst Du mein Freund, es liegt nicht am Gehör. Was wir wahrnehmen können oder nicht, liegt ausschließlich an der Richtung unserer Aufmerksamkeit. Was Du hörst, sagt mehr darüber aus wie Du denkst, als was Dich umgibt."


 
(Indianische Weisheit)

 

 

Der optimistische Königsberater

 
Es war einmal ein König. Dieser König hatte einen Berater, der ihm manchmal durch seinen extremen Optimismus ganz schön auf die Nerven ging.

Eines Tages zerkleinerte der König gerade mit einem riesigen Messer eine Kokosnuss, als neben ihm unerwartet ein Vogel aufflog. Der König erschreckte sich und hackte sich dabei mit dem Messer einen Zeh ab.

Der König schrie vor Schmerz und Wut auf und humpelte zu seinem Berater, um ihm das Unglück zu zeigen.

"Das ist wunderbar!" rief der Berater.

"Wie bitte?" fragte der König vollkommen verdutzt.

"Na, ich sage, dass dieses Unglück ein Segen ist. Verlasst Euch auf mich, denn es wird sich zeigen, dass dieser Unfall sein Gutes hatte."

Dem König reichte es nun. Er ließ den Berater in einen trockenen Brunnen werfen und entschied, zurück zum Schloss zu gehen.

Auf dem Weg dorthin überfiel ihn aber eine Bande von Kopfjägern, die auf der Suche nach einem Menschenopfer für ihren Gott waren. Der König schien ihnen da genau richtig.

Als jedoch der Schamane der Kopfjäger sah, dass dem König ein Zeh fehlte, sprach er: "Nein, dich können wir als Opfer nicht gebrauchen. Der Gott akzeptiert nur vollständig unversehrte Körper." und man ließ den König laufen.

Der König war überglücklich. Da fiel ihm plötzlich ein, dass er ja seinem Berater bitter Unrecht getan hatte. Er lief zurück und ließ den Berater aus dem Brunnen holen.

"Bitte entschuldige, dass ich dich in den Brunnen werfen ließ." sagte er und erzählte ihm, was vorgefallen war.

"Kein Grund, sich zu entschuldigen Euer Hoheit. Es war ein Segen, dass Ihr mich in diesen Brunnen geworfen habt!"

"Aber wie kannst du denn auch darin wieder etwas Gutes sehen?" fragte der König.

"Na, wäre ich hier nicht im Brunnen gesessen, hätten die Kopfjäger doch mich als Opfer genommen!"


 
(gefunden in: Wiedergefunden, von Alan Cohen, geändert und gekürzt)

 

 

Der Steinmetz

 
Es war einmal ein Steinmetz, der mit sich und seinem Leben unzufrieden war. Eines Tages kam er am Hause eines wohlhabenden Kaufmanns vorbei und sah durch das offene Tor viele schöne Besitztümer und allerlei Gäste von Rang und Namen. „Wie mächtig dieser Kaufmann doch sein muss!“ dachte der Steinmetz bei sich. Und er wurde ganz neidisch und wünschte, er wäre der Kaufmann. Dann bräuchte er nicht länger als einfacher Steinmetz zu leben.

Da war er zu seiner großen Überraschung plötzlich der Kaufmann, der genoss mehr Luxus und Macht, als er sich jemals hätte träumen lassen, und nur die Armen beneideten und verachteten ihn. Aber bald darauf wurde ein hoher Beamter in einer Sänfte vorbeigetragen, von Soldaten eskortiert, die Gongs anschlugen. Jeder, ob er auch noch so reich war, musste sich vor dieser Prozession tief bücken. „Wie mächtig dieser Beamter doch ist!“ dachte er bei sich. Ich wünschte, ich wäre ein hoher Beamter!“

Da war er auch schon der hohe Beamte und wurde in seiner Sänfte überall hin getragen. Aber bei all den Leuten, die sich vor ihm bücken mussten, wenn er vorüberzog, war er gefürchtet und gehasst. An einem heißen Sommertag fühlte sich der Beamte in seiner stickigen Sänfte sehr unbehaglich. Er blickte zur Sonne auf. Sie blickte stolz vom Himmel herab und ließ sich von seiner Gegenwart überhaupt nicht beeindrucken. „Wie mächtig die Sonne doch ist“, dachte er bei sich. „Ich wünschte, ich wäre die Sonne!“

Da war er auch schon die Sonne, brannte heiß auf jedermann herunter und versengte die Felder, und die Bauern und Arbeiter verfluchten ihn. Aber eine riesige schwarze Wolke schob sich zwischen ihn und die Erde, so dass sein Licht nicht mehr alles drunten bescheinen konnte. „Wie mächtig ist doch diese Sturmwolke“, dachte er bei sich. „Ich wünschte, ich wäre eine Wolke!“

Da war er auch schon die Wolke, überflutete Felder und Dörfer mit Wolkenbrüchen und war bei jedermann verschrieen. Aber bald fühlte er sich von einer starken Kraft weggetrieben und merkte, dass es der Wind war. „Wie mächtig ist er doch“, dachte er bei sich. „Ich wünschte, ich wäre der Wind!“

Da war er auch schon der Wind, blies Ziegel von den Hausdächern, entwurzelte Bäume, und alle drunten zitterten und bangten vor ihm. Doch nach einer Weile stürmte er gegen etwas an, das sich nicht rührte, wie heftig er auch dagegen blies – es war ein riesiger, hochaufragender Fels. „Wie mächtig ist doch dieser Fels“, dachte er bei sich. „Ich wünschte, ich wäre ein Fels!“

Da war er auch schon der Fels und mächtiger als alles andere auf Erden. Aber als er so dastand, hörte er auf einmal den Klang eines Hammers, der einen Meißel in den harten Stein trieb, und fühlte, wie er sich veränderte. „Was könnte wohl mächtiger sein als ich, der Fels?“ dachte er bei sich. Er schaute an sich herab und erblickte tief unter sich die Gestalt eines Steinmetzen.

 

 

Der Tag von gestern

 

Der Tag von gestern,

alle Tage und alle Jahre von früher sind vorbei,

begraben in der Zeit.

An ihnen kannst du nichts mehr ändern.

 

Hat es Scherben gegeben?

Schlepp sie nicht mehr mit dir herum!

Denn sie verletzen dich Tag für Tag,

und zum Schluss kannst du nicht mehr leben.

 

Es gibt Scherben, die wirst du los,

wenn du sie Gott in die Hände legst.

 

Es gibt Scherben, die kannst du heilen,

wenn du ehrlich vergibst.

 

Und es gibt Scherben,

die du mit aller Liebe nicht heilen kannst.

Die musst du liegen lassen.

 

(Phil Bosman)

 

 

Gegenwart

 
Die Schüler baten den Meister, ihnen ein Modell für die Spiritualität zu geben, das sie nachahmen könnten.

Der Meister sagte: "Still, lauscht!"

Und als die Schüler auf die Laute der Nacht draußen lauschten, sprach der Meister leise den berühmten Haiku:

"Von einem frühen Tod,
zeigt die Zikade sich unbeeindruckt.
Sie singt."


 
(aus: Anthony de Mello: Eine Minute Weisheit, leicht geändert)

 

 

Gestern – Heute – Morgen

 
Es gibt in jeder Woche zwei Tage, über die wir uns keine Sorgen machen sollten. Zwei Tage, die wir frei halten sollten von Angst und Bedrückung.

Einer dieser zwei Tage ist das Gestern mit all seinen Fehlern und Sorgen, emotionalen und körperlichen Schmerzen. Das Gestern ist nicht mehr unter unserer Kontrolle. Alles Geld dieser Welt, kann das Gestern nicht zurückbringen. Wir können keine einzige Tat, die wir getan haben, ungeschehen machen. Wir können nicht ein Wort zurücknehmen, das wir gesagt haben. Das Gestern ist endgültig vorbei.

Der andere Tag, über den wir uns keine Sorgen machen sollten, ist das Morgen – mit seinen möglichen Gefahren, Lasten, großen Versprechungen und weniger guten Leistungen. Auch das Morgen haben wir nicht unter unserer sofortigen Kontrolle.

Morgen wird die Sonne aufgehen, entweder in ihrem Glanz oder hinter einer Wolkenwand. Aber eines steht fest: Sie wird aufgehen! Bis sie aufgeht, sollten wir uns über Morgen keine Sorgen machen, weil Morgen noch nicht geboren ist.

Somit bleibt nur ein einziger Tag übrig: Heute!

Jeder Mensch kann nur die Schlacht eines einzigen Tages schlagen. Dass wir zusammenbrechen geschieht nur, wenn du und ich die Last dieser zwei fürchterlichen Ewigkeiten – Gestern und Morgen – zusammenfügen.

Es ist nicht die Erfahrung von Heute, welche die Menschen verrückt macht, es ist die Reue und Verbitterung über etwas, was im Gestern geschehen ist, oder die Furcht vor dem, was das Morgen wieder bringen wird.

Heute ist das Morgen, worüber wir uns Gestern Sorgen gemacht haben.


 
(Emotions Anonymus)

 

 

Mit der Zeit

 

Mit der Zeit lernst du,

dass eine Hand halten, nicht dasselbe ist,

wie eine Seele fesseln.

 

Und dass Liebe nicht anlehnen bedeutet

und Begleitung nicht Sicherheit und halten nicht dasselbe ist,

wie eine Seele fesseln.

 

Du lernst allmählich,

dass Küsse keine Verträge sind

und Geschenke keine Versprechen.

 

Und du beginnst,

deine Niederlagen erhobenen Hauptes

und offenen Auges hinzunehmen

mit der Würde des Erwachsenen,

nicht maulend wie ein Kind.

 

Und du lernst,

all deine Straßen auf dem Heute zu bauen,

weil das Morgen ein zu unsicherer Boden ist.

 

Mit der Zeit erkennst du,

dass sogar Sonnenschein brennt,

wenn du zuviel davon abbekommst.

 

Also bestell deinen Garten

und schmücke selbst dir die Seele mit Blumen

statt darauf zu warten,

dass andere dir Kränze flechten.

 

Und bedenke, dass du vielleicht standhalten kannst

Und wirklich stark bist

Und dass du deinen eigenen Wert hast!

 

(Kelly Priest)

 

 

Nur für Heute

 
Ich habe die Wahl!

Nur für heute will ich versuchen, diesen einen Tag zu leben – nicht mein ganzes Lebensproblem auf einmal anzupacken. Ich kann jetzt etwas tun, vor dem ich zurückschrecken würde, wenn ich das Gefühl hätte, ich müsste es mein ganzes Leben lang durchhalten.

Nur für heute will ich versuchen glücklich zu sein, indem ich mir klarmache, dass mein Glück nicht davon abhängt, was andere tun oder sagen oder was um mich herum geschieht. Glück stellt sich ein, wenn ich mit mir in Frieden lebe.

Nur für heute will ich versuchen, mich auf das auszurichten, was ist – nicht erzwingen wollen, dass sich alles nach meinen Wünschen richtet. Ich will meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit und meine Lebensumstände so annehmen, wie sie kommen.

Nur für heute will ich auf meine körperliche Gesundheit achten. Ich will meine Verstandeskräfte üben. Ich will etwas Spirituelles lesen.

Nur für heute will ich jemanden etwas Gutes tun, ohne dabei entdeckt zu werden; wenn jemand davon erfährt, zählt es nicht. Ich werde mindestens eine Sache tun, die ich nicht gerne tue und ich will meinem Nächsten einen kleinen Liebesdienst erweisen.

Nur für heute will ich mich bemühen, zu jemandem, den ich treffe, freundlich zu sein. Ich will liebenswürdig sein, ich will so gut aussehen, wie ich kann, mich kleidsam anziehen, leise sprechen und mich höflich benehmen. Ich will kein bisschen kritisieren, an keiner Sache etwas aussetzen und nicht versuchen, jemanden außer mich selbst zu verändern und niemanden Vorschriften zu machen.

Nur für heute will ich mir ein Programm machen. Ich will es machen, auch wenn ich es vielleicht nicht ganz genau befolge. Vor zwei Plagen will ich mich retten: Hast und Unentschlossenheit.

Nur für heute will ich aufhören zu sagen: „Wenn ich Zeit hätte“. Ich werde nie für etwas „Zeit finden“; wenn ich Zeit haben will, muss ich sie mir nehmen.

Nur für heute will ich in Stille meditieren – mich dabei auf Gott, wie ich ihn verstehe, auf mich selbst und auf meinen nächsten besinnen. Ich will mich entspannen und nach Wahrheit suchen.

Nur für heute will ich keine Angst haben. Insbesondere werde ich mich nicht davor fürchten, glücklich zu sein – und mich an den guten, schönen und liebenswerten Dingen im Leben erfreuen.

Nur für heute, will ich mich annehmen und nach meinen besten Kräften leben.

Nur für heute entschließe ich mich, zu glauben, dass ich hier noch einen Tag leben kann.

Die Wahl habe ich!


 
(Emotins Anonymus)

 

 

Die Gegenwart

 

Pass gut auf sie auf

 

Die Gegenwart

Achte sie und behandle sie gut.

Lass dich auf sie ein,

denn sie lebt,

noch mehr: Sie ist voller Leben,

sie ist das Leben.

 

Die Gegenwart.

In ihrer kurzen Zeitspanne

ist alles enthalten, was es gibt,

was existiert und was wahr ist:

Die Freude am Wachsen,

das Gelingen der Arbeit,

das Gefühl von Schöpferkraft.

Von der Vergangenheit bleibt ja

nichts weiter

als die Erinnerung,

und die Zukunft ist nur eine Vision.

 

Die Gegenwart aber

- richtig gelebt und erlebt -

verwandelt die Vergangenheit

in eine frohe Erinnerung

und macht die Zukunft

zu einem Ausblick voller Hoffnung.

Deswegen:

Pass gut auf sie auf,

die Gegenwart.

 

(nach einem alten Sanskrit-Gedicht)

 

 

Später, wenn ...

 

Später - wenn Stunden leiser in Tage fallen

- Krankheit zur Stille zwingt

später - wenn Füße zu kraftlos und müde sind,

der Abwechslung nachzujagen

später - wenn plötzlich vieles verstummt

- alles Laute zerrinnt,

dann wird sich manch einer fragen –

warum hab` ich nicht damals erkannt,

dass später gleich beginnt –

ich hätte früher aufgehört, später zu sagen.

 

(Unbekannt)

 

 

Über das Sehen

 
Die Schüler hatten den Meister bereits eine Weile beobachtet und wollten nun von ihm wissen, welche Art der Meditation er denn jeden Morgen im Garten praktiziere.

Der Meister antwortete ihnen: "Wenn ich aufmerksam schaue, sehe ich den Rosenstrauch in voller Blüte."

Darauf fragte einer seiner Schüler:" Aber warum muss man denn aufmerksam schauen, um den Rosenstrauch zu sehen? Die Blüten sind doch wirklich auffällig."

Der Meister lächelte und sagte dann: "Damit man wirklich den Rosenstrauch sieht, und nicht die eigene Vorstellung davon."


 
(aus Mello, Anthony de: Gib deiner Seele Zeit, Herder, 1999 Geschichte leicht überarbeitet)

 

 


Unwichtig, Wolken, Blumen,

Stunden des Glücks zählen zu wollen.

Wolken ziehen weiter,

Blumen verblühen,

Stunden des Glücks vergehen.

Wichtig aber,

sie überhaupt zu sehen,

zu erkennen,

zu genießen,

sie in den Gedanken zu bewahren.

 

(Margot Bickel)

 

 

Von der Wichtigkeit des Weges


Wir sind süchtig nach Zielen, weil wir verlernt haben, Wege zu gehen, Wege wirklich zu gehen. Ich muss oft an die Geschichte von dem Indianer denken, der zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Auto fuhr und der nach einer Weile auf freier Strecke aussteigen wollte, weil er auf seine Seele warten musste, die noch nicht nachgekommen war... Kopfschüttelnd fuhr der Autofahrer weiter...

Ich glaube, dass auch wir immer wieder ein solches Warten auf unsere Seele nötig haben. Weil wir solche Bedürfnisse für verrückt halten oder nicht mehr spüren, zwingen uns Krankheiten manchmal zum Innehalten, zum Warten auf unsere Seele. Aber wir lassen uns die Symptome der Krankheit wegmachen und bekämpfen damit weiter das Leben in uns und um uns, hasten weiter unseren Zielen nach und vergessen Wege, vergessen Wege zu gehen, vergessen das Leben in uns und um uns.

Dann kann es irgendwann einmal sein, dass wir von einer Krankheit bedroht sind, die den Tod zur Folge haben kann. Krankheiten weisen Wege, die nicht vorgebahnt, glatt und eben sind. Auch die Erde ist durch unsere Sucht nach Zielen vom Tod bedroht. Halten wir inne, spüren wir uns und die Erde! Auch ihre Krankheiten weisen uns Wege, Wege die nicht eingefahren, glatt und eben sind, aber lebendig.


 
(Unbekannter Verfasser; Quelle: Gefährten)

 

 

Was draußen geschieht

 
Was draußen geschieht, wird von innen her gelenkt und beurteilt; das Innere wird von draußen her gerufen, geweckt, gespeist.

Wenn wir uns fragen, welcher Mensch in dieser Hinsicht als wohlgeschaffen anzusehen sei, dann lautet die Antwort:

der, in dessen Leben diese beiden Pole im richtigen Verhältnis zur Auswirkung kommen;

der sich weder draußen verliert noch drinnen verspinnt;

in dessen Leben vielmehr die beiden Bereiche im Gleichgewicht einander wechselseitig bestimmen und vollenden.

In unserer durchschnittlichen Wirklichkeit ist es aber anders. Darin haben die Dinge des äußeren Lebens eine gewaltige Übermacht.


 
(Romano Guardini)

 

 


Wenn du das Tal sehen möchtest,

steige auf den Berg,

Willst du die Bergspitze erblicken,

schwinge dich zur Wolke empor,

Willst du jedoch die Wolke verstehen,

schließe die Augen und denke nach.

 

 


Wer weiß...?

 
Ein alter Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn auf einer kleinen Farm. Sie besaßen nur ein Pferd, mit dem sie die Felder bestellen konnten und kamen gerade so über die Runden.

Eines Tages lief das Pferd davon. Die Leute im Dorf kamen zu dem alten Mann und riefen "Oh, was für ein schreckliches Unglück!" Der alte Mann erwiderte aber mit ruhiger Stimme: "Wer weiß..., wer weiß schon, wozu es gut ist?"

Eine Woche später kam das Pferd zurück und führte eine ganze Herde wunderschöner Wildpferde mit auf die Koppel. Wieder kamen die Leute aus dem Dorf: "Was für ein unglaubliches Glück!" Doch der alte Mann sagte wieder: "Wer weiß..., wer weiß schon, wozu es gut ist?"

In der nächsten Woche machte sich der Sohn daran, eines der wilden Pferde einzureiten. Er wurde aber abgeworfen und brach sich ein Bein. Nun musste der alte Mann die Feldarbeit allein bewältigen. Und die Leute aus dem Dorf sagten zu ihm: "Was für ein schlimmes Unglück!" Die Antwort des alten Mannes war wieder: "Wer weiß..., wer weiß schon, wozu es gut ist?"

In den nächsten Tagen brach ein Krieg mit dem Nachbarland aus. Die Soldaten der Armee kamen in das Dorf, um alle kriegsfähigen Männer einzuziehen. Alle jungen Männer des Dorfes mussten an die Front und viele von ihnen starben. Der Sohn des alten Mannes aber konnte mit seinem gebrochenen Bein zu Hause bleiben.

"Wer weiß..., wer weiß, wozu es gut ist?"


 
(Verfasser unbekannt, gefunden in: "Way of the Peaceful Warrior" von Dan Millman, dt: Der Pfad des friedvollen Kriegers)

 

 

Wirklich schwierig...

 
Ein junger Mann kam zum Meister und berichtete ihm von seinen Erlebnissen.

"Im Himalaja traf ich einen weisen, alten Mann, der in die Zukunft sehen kann. Diese Kunst lehrte er auch seinen Schülern." sprach er voller Begeisterung.

"Das kann jeder." sprach der Meister ruhig. "Mein Weg ist viel schwieriger."

"Wirklich?" fragte der junge Mann. "Wie ist Euer Weg, Herr?"

"Ich bringe den Menschen bei, die Gegenwart zu sehen."


 
(gefunden in: Geschichten für die kleine Erleuchtung von Marco Aldinger, leicht umgeschrieben)







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