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Texte zum Thema "Freude und Leid"


Das Leid der Oase


Es war einmal eine wundervolle Oase. Sie grünte in einer Pracht, die schöner kaum sein konnte.

Eines Tages blickte die Oase um sich, sah sie aber nichts anderes als die Wüste rings um sich. Vergebens suchte sie nach ihresgleichen und wurde ganz traurig.

Laut begann sie zu klagen: "Ich unglückliche, einsame Oase! Allein muss ich bleiben! Nirgends meinesgleichen. Nirgends jemand, der Freude an mir und meiner Pracht hat. Nichts, als die traurige, sandige, felsige, leblose Wüste umgibt mich. Was helfen mir hier in meiner Verlassenheit all meine Vorzüge und Reichtümer?"

Da sprach die alte und weise Mutter Wüste: "Mein Kind, wenn es denn anderes wäre und nicht ich - die traurige, dürre Wüste - dich umgäbe, sondern wenn alles um dich herum blühend, grün und prachtvoll wäre, dann wärst du keine Oase. Du wärst dann kein begünstigter Fleck, von dem, noch in der Ferne die Wanderer rühmend erzählen. Du wärst dann nur ein kleiner Teil von mir und bliebest unbemerkt. Darum also ertrage in Geduld, was die Bedingung deiner Auszeichnung und deines Ruhmes ist!"

(nach Arthur Schopenhauer, leicht geändert, aus E. Lukas: "Rendezvous mit dem Leben")





Ein Leben füllt nicht hundert Jahre
 

Ein Leben füllt nicht hundert Jahre,

doch immer ist es voll von  tausend Jahren Sorge.

Der Mittag kurz und bitter lang die Nächte!

Warum nicht greifst du nach der Lampe,

gehst die kurzen Freuden dir zu suchen,

wenn nicht heute?

Was willst du warten Jahr um Jahr?

 

(Chinesischer Weiser der Han-Dynastie)





Eine Auster sprach zu ihrer Nachbarin: „Ich trage großen Schmerz in mir. Schwer ist er und rund, und ich habe große Not.“

Die andere Auster antwortete mit überheblicher Selbstzufriedenheit: „Gelobt sei der Himmel und das Meer, denn ich habe keine Schmerzen. Es geht mir gut, innen und außen.“

In diesem Augenblick kam ein Krebs vorbei und hörte die beiden Austern. Darauf sagte er zu derjenigen, die innen wie außen unversehrt war: „Ja, dir geht es wohl gut, doch der Schmerz, den deine Nachbarin in sich trägt, ist eine Perle von hinreißender Schönheit.“


(Khalil Gibran, Wanderer, 26)



Erfahrungen

Erfahrungen sind Gaben,

wie alles andere auch.

Schlechte Erfahrungen sind Gaben.

Nur was man wirklich annimmt,

hat man.

Ein Leiden, eine Gabe.

Und Leid, aus dem du lernst,

ein Schatz.

Und Leid, aus dem du lernst,

nicht mehr zu leiden,

das dich unverwundbar macht,

eine Kostbarkeit.

Und Leid, das dich lehrt,

andere nicht mehr zu verwunden,

eine Unschätzbarkeit.


(Brigitte Schwaiger)




Glücklichsein ist nicht der Zweck unseres Lebens, sondern das Ergebnis unserer Lebensweise. Das Glück ist wie unser Schatten, es läuft davon, wenn wir ihm nachjagen, doch wenn wir auf das Licht und die Wahrheit zugehen, folgt es uns.

(Dario Lostado)



Irischer Weihnachtssegen

Nicht, dass jedes Leid dich verschonen werde,

noch dass dein zukünftiger Weg

stets Rosen trage,

keine bittere Träne über deine Wege komme

und kein Schmerz dich quäle -

dies alles wünsche ich dir nicht.

Sondern: dass dankbar du allzeit bewahrst

die Erinnerung an gute Tage,

Dass mutig du gehst durch Prüfungen,

auch wenn das Kreuz

auf deinen Schultern lastet,

auch wenn das Licht der Hoffnung schwindet.

Was ich dir wünsche: dass jede Gabe Gottes

in dir wachse, dass einen Freund du hast,

der deiner Freundschaft wert.

Und dass in Freud und Leid das Lächeln des

Mensch gewordenen Gotteskindes dich begleiten möge.



Lachen und Weinen

Als der Meister aus einer Ecke des Büros ein Lachen vernahm, wandte er sich einem seiner Schüler zu und fragte: „Weißt du, wie viele Muskeln während des Weinens arbeiten und wie viele beim Lachen?“

Dieser wusste jedoch keine Antwort auf die Frage, so sagte der Meister: „Fünfundsiebzig Muskeln beim Weinen und fünfzehn beim Lachen. Solch eine Menge an Energie geht verloren durch das Weinen!

         
         

Mäuse-Freude
 

Zwei kleine Mäuse hatten ein Henne-Ei-Problem: Sie stritten sich darüber, ob wohl zuerst die Freude oder zuerst das Leid auf der Welt war.

Mäuserich Tilo behauptete: "Natürlich war zuerst das Leid vorhanden. Das ist doch klar! Wie sonst könnte man so ein schönes Gefühl wie Freude empfinden, wenn man nicht vorher den ganzen Schlamassel aus Schmerz und Pein erlebt hätte. Man würde es glatt gar nicht merken!"

Maus Lisa war völlig anderer Meinung: "Die Freude war zuerst da, das muss dir doch einleuchten! Wenn man nicht von Anfang an gelernt hat, wie sich Freude anfühlt, dann wird man sie auch später nicht erfahren. Sie muss einem als Urgefühl in die Wiege gelegt werden. Schlimmes Leid könnte man gar nicht ertragen, gäbe es da nicht die Erinnerung daran, dass das Leben auch anders sein kann - freudig nämlich!"

"Aber die Schmerzen sind doch nur dafür erfunden worden, damit man die Freude überhaupt empfinden kann. Demnach muss das Leid zuerst da gewesen sein", gab sich Mäuserich Tilo nicht zufrieden.

Es hatte keinen Zweck. Die beiden drehten sich im Kreis und fanden keine Einigung. So war es an der Zeit, dem Maus-Meister Theoderich einen Besuch abzustatten und seinen weisen Rat einzuholen.

"Ihr habt beide Recht", meinte dieser. "Freude und Leid wurden gleichzeitig erschaffen. Das Leben ist wie eine Münze, die zwei verschiedene Prägungen trägt: auf der einen Seite die Freude, auf der anderen Seite das Leid - gleichzeitig. Eins ist ohne das andere nicht denkbar. Es gibt keine Münze mit nur einer Seite. So gibt es auch kein Leben, in dem ausschließlich Freude oder nur Leid auftritt. Jede Maus wirft ihre Münze selbst - mal kommt die Freude nach oben zu liegen, beim nächsten Mal das Leid. Nichts gilt für immer. Die Münzen werden ständig neu geworfen. Wichtig für euch ist nun Folgendes: Vergesst niemals, ganz gleich welche Seite der Lebensmünze im Augenblick oben liegen mag, die andere Seite ist immer vorhanden. Sie ist nur im Augenblick nicht sichtbar."

Das stimmte die beiden Mäuse friedlich. Sie bedankten sich bei Meister Theoderich und marschierten Hand in Hand nach Hause.

(© Silke Andres, 2003)



Tu etwas für dein Gesicht

 

Vergiss nicht, dass dein Gesicht

für andere bestimmt ist,

dass andere es anschauen müssen

und dass nichts so widerwärtig ist,

als stundenlang und tagelang

ein muffiges, missmutiges Gesicht zu sehen.

Dein Gesicht ist

mehr als eine schöne Fassade,

mehr als ein Aushängeschild,

mehr als eine Visitenkarte.

 

Tu etwas für dein Gesicht

nicht nur deinetwegen,

um dich selbst im Spiegel schön zu finden,

sondern vor allem wegen der anderen.

Die beste Gesichtspflege heißt nicht:

Hautcreme einreiben,

Augenbrauen zupfen und nachziehen,

Wimperntusche auftragen, Lidschatten anbringen.

 

Tu etwas für dein Gesicht von innen:

Fröhlichkeit in deine Augen legen

und ein Leuchten.

Den Mund entspannen und lächeln.

Ein freundliches Gesicht machen.

Das geht, wenn du Hausputz hältst,

Hausputz des Herzens:

ausfegen, was wurmt und grämt,

ausräumen, was da gemeckert und gemäkelt wird.

was hat dieser Kram mit deinem Glück zu tun?

Hör auf, den täglichen Ärger finster wiederzukäuen.

 

Zeige dein schönstes Gesicht,

dein bestes, dein freundlichstes,

und es wird nicht schwerfallen,

dich gern zu haben.

 

(Unbekannt)




Vom Schmerz


Schmerz bedeutet das Brechen der Schale, die euer Verstehen umschließt.

Genau wie der Obstkern brechen muss, auf daß sein Herz der Sonne ausgesetzt sei, ebenso müsst auch ihr den Schmerz erleben.

Und vermöchtet ihr, das Staunen über die täglichen Wunder des Lebens in eurem Herzen lebendig zu bewahren, so schiene euch der Schmerz nicht minder wunderbar als die Lust;

Und ihr nähmet hin die Zeitläufe eures Lebens, so wie ihr stets die Jahreszeiten hinnahmet, die über eure Felder gleiten;

Und ihr wachet mit Heiterkeit durch die Wintertage eures Grams.

Vieles ist in eurem Schmerz selbsterwählt.

Es ist dies der bittre Trank, mit dem der Arzt in euch das kranke Ich heilt.

Daher trauet dem Arzte und trinket sein Heilmittel in Schweigen und Gelassenheit:

Denn seine Hand, wie schwer und hart sie auch sein mag, wird gelenkt von der milden Hand des Unsichtbaren,

Und der Kelch, den er reicht, so er euch auch die Lippen senge, ward gebrannt aus dem Lehme, den der Töpfer benetzte mit seinen heiligen Tränen.

(Khalil Gibran)




Von Freud und Leid


Eure Freude ist entlarvtes Leid.

Und dieselbe Quelle, aus der euer Lachen entspringt, ward oft erfüllet von euren Tränen.

Und wie könnte es anders sein?

Je tiefer das Leid in eurem Innern bohrt, umso mehr Freude vermöget ihr zu fassen.

Ist nicht die Schale, die euren Wein enthält, da gleiche Gefäß, das im Ofen des Töpfers gebrannt?

Und ist nicht die Laute, die euer Leid lindert, das gleiche Holz, das von Messern durchbohrt ward?

Seid ihr fröhlich so spähet tief in eurem Herzen und ihr werdet entdecken, dass nur was euch Leiden schuf, euch auch Freuden bringt.

Seid ihr betrübt, so spähet wiederum in eurem Herzen, und ihr werdet finden, dass ihr in Wahrheit weinet um gewesene Wonne.

Etliche von euch sagen: „Freude ist größer denn Kummer“, und andere sagen: „Nein, Kummer ist größer als Freude.“

Doch ich sage euch: beide sind unzertrennlich.

Sie kommen gemeinsam; und sitzet nur die eine oder der andere bei euch zu Tische, so bedenket, dass der eine oder die andere auf eurem Lager schlummert.


(Khalil Gibran)




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